Seit dem 01. Juli ist es ganz offiziell so weit – die Homeoffice-Pflicht ist aufgehoben und viele von uns kehren nach einer gefühlten Ewigkeit zurück an ihren Arbeitsplatz. Unsere Kollegen, die wir nur noch als körperlose Zoom-Avatare kannten, werden wieder zu realen Teammitgliedern. Neben allen Vorteilen und angenehmen Seiten, die uns das Arbeiten in den eigenen vier Wänden in den letzten Monaten bot, fiel den meisten dieser Aspekt am schwersten: laut einer Studie der Hans Böckler Stiftung vermissten mehr als drei Viertel aller im Homeoffice Beschäftigten den Austausch mit ihren Kollegen. 

Was für eine spannende Phase! Denn natürlich ist die Zeit in den letzten Monaten nicht stehen geblieben. Vielleicht haben neue Kollegen das Team ergänzt, vielleicht haben einige den Arbeitsplatz verlassen. Strukturen haben sich verändert, und auch die individuellen Entwicklungen Einzelner haben Einfluss auf die Teamdynamik. 

Die Karten sind bei eurem Zusammentreffen komplett neu gemischt. Für dich persönlich kann das eine gute Chance sein, dir über deine Positionierung im Team Gedanken zu machen und dich neu aufzustellen. 

Intelligence is the ability to adapt to change.

– Stephan Hawking, Physiker –

Die Teamrollen nach Belbin 

Ein Team ist im Idealfall kein wahllos zusammengewürfelter Haufen, dessen Wissen und Fachkompetenz zufällig zur Aufgabenstellung passt. Am erfolgreichsten arbeiten wir zusammen, wenn die Beteiligten in ihren Persönlichkeitsmerkmalen so aufeinander abgestimmt sind, dass sie im Team unterschiedliche Rollen entsprechend ihrer Fähigkeiten bekleiden können. Das bekannteste Modell zur Erläuterung von Teamrollen stammt von Belbin. Dieses Wissen ist nicht nur für Personalverantwortliche interessant, sondern auch für dich als Teammitglied. 

Um dir gezielt Anregungen zur Orientierung in deinem Team geben zu können, möchte ich zuerst auf Belbins Theorie eingehen. Der englische Teamentwickler Meredith Belbin entdeckte in den 70er Jahren, dass in Teams unabhängig von der Zusammensetzung immer wieder ähnliche Rollen ausgefüllt werden. Nicht alle der Rollen müssen durch eine Person belegt sein  – manchmal übernehmen wir auch innerhalb eines Teams zwei oder drei verschiedene Rollen. Jede der Rollen hat seine Berechtigung und seine Stärken, mit der es die Erfolge des Teams vorantreibt. Allerdings auch seine Schwächen, mit der es diese hemmen kann.

„Die Stärke des Teams ist jedes einzelne Mitglied. Die Stärke eines jeden Mitglieds ist das Team.“

– Phil Jackson, Basketball-Trainer – 

Je heterogener ein Team zusammengesetzt ist, desto effektiver arbeitet es in der Regel zusammen, denn die Schwächen des einen werden durch die Stärken des anderen ausgeglichen. Insgesamt kristallisieren sich neun verschiedene Rollen in drei Typen heraus. 

Handlungsorientierte Typen

1. Macher*In: Dieses Teammitglied mag klare Strukturen und hat die Ziele gut im Blick. Es ist planvoll und nimmt die Dinge gerne in die Hand. Damit gibt es dem Team eine Richtung vor und weiß es zu fordern. Damit holt es das beste aus ihm heraus. Es fällt ihm jedoch schwer ins Handeln zu kommen, wenn es noch keine genauen Vorgaben gibt.

2. Umsetzer*In: Diese Rolle ist lösungsorientiert und effizient. Sie treibt Entscheidungen voran und sorgt dafür, dass Pläne auch verwirklicht werden. Sie äußert auch unbeliebte Meinungen. Dadurch wird sie vom Team oft als autoritär und fordernd erlebt.

3. Perfektionist*In: Genauigkeit und Sorgsamkeit ist die Stärke dieser Rolle. Damit verlangsamt sie zwar manchmal den Prozess, schützt ihn jedoch auch vor Fehlschlägen, gewährleistet Qualität und achtet auf Abgabetermine. Das Delegieren fällt dieser Rolle eher schwer, denn sie behält gerne die Kontrolle.

Kommunikationsorientierte Typen

1. Koordinator*In: Dieses Teammitglieder besticht durch seine gute Menschenkenntnis. Es interessiert sich für unterschiedliche Meinungen und achtet darauf, dass es zu einem Konsens kommt. Er ist kommunikativ und selbstsicher. Allerdings versteht es auch, unliebsame Aufgaben zu delegieren und Teammitglieder zu lenken, wodurch es manchmal als manipulativ wahrgenommen wird.

2. Teamarbeiter*In: Dieser Part sorgt sich um das Zwischenmenschliche. Es ist ihm wichtig, dass sich alle gut kennen und verstehen und vermittelt diplomatisch bei Konflikten. Manchmal ist er zu harmoniebedürftig und neigt daher dazu, seine Meinung nicht konkret zu äußern. Das Entscheiden überlässt er lieber anderen.

3. Wegbereiter*In: Diese Rolle ist kommunikativ, ein guter Netzwerker und sucht ständigen Input. Sie hat die Augen und Ohren überall, bringt Einflüsse von Außen ins Team und streut neue Ideen ein. Die Schwächen: sie kann sich schlecht auf eine Sache konzentrieren und muss manchmal von den anderen motiviert werden, am Ball zu bleiben.

Wissensorientierte Typen

1. Spezialist*In: Hier haben wir den Experte in eurem Aufgabengebiet. Bei Problemen gräbt und analysiert er so lange, bis er eine Lösung gefunden hat. Im Team verhält er sich so lange abwartend, bis er seine Aufgabe erhält. Dann teilt er sein Wissen auch gerne und erklärt. Oft fehlt ihm der Blick für das große Ganze.

2. Erfinder*In: Dieses Teammitglied ist der kreative Kopf und punktet mit außergewöhnlichen, manchmal auch provokanten Ideen. Zu Beginn hält es sich meist zurück und sondiert die Lage, hat dann jedoch oft den Gedanken, der zur Innovation führt. Leider verträgt er Kritik manchmal schlecht und neigt zur Strukturlosigkeit.

3. Beobachter*In: Rational und objektiv kann diese Rolle unterschiedliche Lösungsansätze gegeneinander abwägen und beurteilen. Sie kann gut argumentieren und behält das Ziel im Blick. Was sie nicht gut kann, ist, seine eigene Meinung zu vertreten und leidenschaftlich für etwas einzustehen. Im Team wird ihre Objektivität manchmal als herablassend empfunden.

Welche Rolle nimmst du ein? 

Vielleicht hast du schon spontan einen Impuls, welche Rollen du für dich als stimmig empfindest.

Frage dich aber auch: Bekleidest du im Team tatsächlich die Rolle, die dir am meisten entspricht? Würden dich deine Kollegen ähnlich beschreiben? Oder bist du – aus welchen Gründen auch immer – in eine Rolle gedrängt? „Spielst“ du nur eine Rolle? Oder fühlst du dich wohl in ihr? 

Ständig Aufgaben zu übernehmen, die uns nicht entsprechen, kostet viel Energie. Wir arbeiten mehr daran, unsere (unpassende) Rolle auszufüllen als am tatsächlichen Projekt zu arbeiten. Damit sind wir wenig effizient und ein Gefühl von fehlender Authentizität entsteht.

„Jedes Wesen kann nur in seiner Eigenheit gut sein.“

Sophokles, griechischer Dichter

Normalerweise ordnen wir uns ganz natürlich durch unsere Arbeitsweise in die Rolle ein, in der wir uns am wohlsten fühlen. Schwierig kann es zum Beispiel dann werden, wenn das Team sehr homogen zusammengesetzt ist – also zum Beispiel sehr viele dominante, sehr viele passive oder ausschließlich harmoniebedürftige Typen aufeinander treffen. Oder euer Team fachlich exzellent zusammengestellt ist, euch jedoch die Fähigkeit fehlt, euer Wissen nach außen zu transportieren. Oder aber Konflikte und Antipathien im Team so sehr Überhand nehmen, dass die fachliche Zusammenarbeit ohnehin in den Hintergrund gerät. 

In solchen Fällen übernehmen wir manchmal Rollen, die eigentlich nicht unserem Wesen entsprechen, um den Erfolg des Teams zu sichern. 

Stell dir dein Team als ein Mobile vor. Gleichmäßig verteilt bleibt es in Balance und hält sich selbst in Schwingung. Schon kleinere Veränderungen können es einseitig werden lassen oder ins Kippen bringen. Andererseits helfen genauso kleine Impulse von außen auch, um es wieder in Bewegung zu bringen. 

Teamrollen sind nicht starr. Im Laufe des Lebens können wir uns in unterschiedliche Rollen hinein und wieder heraus entwickeln. Deswegen ist auch jetzt, nach der Teampause durch das Homeoffice, eine gute Gelegenheit dir darüber Gedanken zu machen, ob du dich am richtigen Platz befindest. Sich während stetig laufender Prozesse und Projekte im Team neu zu positionieren ist viel schwerer als jetzt, wo ihr wieder neu aufeinander trefft. 

Was habe ich davon, Teamrollen und  -strukturen zu hinterfragen? 

Klar – deine Aufgabe ist es nicht, in die Teamentwicklung einzusteigen und dein Team aus eigener Kraft heraus in seiner Effizienz zu verbessern. Aber das Wissen um Teamstrukturen kann dir einige Impulse liefern, um sowohl deine eigenen, als auch fremde Rollen zu hinterfragen. Du kannst dich so positionieren, dass es deiner eigenen Arbeitsweise und Persönlichkeit entspricht. Und du bekommst ein Verständnis für Dysfunktionalitäten. Bereits das kann ein erster Schritt zur Veränderung sein, wenn es in der Vergangenheit zu Konflikten in eurem Team gekommen ist. 

„Wenn du schnell gehen willst, geh allein. Wenn du weit kommen willst, gehe zusammen.“ 

– Afrikanisches Sprichwort – 

Jede Rolle beinhaltet Stärken, mit der sie die Gruppe stützt und voranbringt. Hast du eine Rolle als die deine identifiziert, kannst du diese Ressourcen weiter ausbauen. Und du lernst unter Umständen, wo du noch Lern- und Unterstützungsbedarf hast. 

Vielleicht fördert das Wissen um Teamstrukturen auch deine Akzeptanz gegenüber den Macken der anderen Teammitglieder. Du kannst ihr Verhalten besser nachvollziehen und erkennst,  dass so manch anstrengendes Verhalten eine Funktion hat und damit auch seine Berechtigung. Du lernst, dass Gegensätzlichkeiten erst den Erfolg einer Gruppe ausmachen. Und kennst du die positiven und negativen Seiten deines Gegenübers, bist du auch in der Lage, konstruktiver Konflikte zu lösen. Und manche entstehen vielleicht auch gar nicht erst. 

Zu guter Letzt fällt es dir leichter, Aufgaben zu delegieren. In unseren Rollen sind wir für unterschiedliche Prozesse und Entwicklungsschritte in einem Projekt verantwortlich. Wenn du weißt, welche das in deinem Fall sind, kannst du den Rest getrost an andere Kollegen übergeben. 

Das Wissen um Teamdynamiken und  -rollen ist für jedes Teammitglied ein Gewinn. Wenn den Akteuren klar ist, welche Rolle/n sie in ihrer Gruppe einnehmen und jeder am richtigen Platz eingesetzt ist, kann ein Team wie eine gut geölte Maschine funktionieren. 

Bist du dir unsicher in deiner Rolle im Team? Oder hast du das Gefühl, du befindest dich am falschen Platz? Weißt du nicht, wie du dich daraus befreien kannst? Vereinbare gerne ein unverbindliches Erstgespräch und wir suchen gemeinsam nach einer Lösung!