Wir haben unfassbares Glück. Selten konnte eine Generation so frei wählen wie wir. Natürlich ist uns ein individueller Rahmen, gesteckt aus finanziellen Möglichkeiten, körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit und, leider, auch Herkunft oder kulturellem Hintergrund gesteckt. Doch nichtsdestotrotz sind wir in unserer heutigen, westlichen Gesellschaft sicherer, wohlhabender und unabhängiger als je zuvor.

Wir stehen in den Supermärkten vor vollen Regalen und haben etwa nicht nur die Möglichkeit zu wählen, ob wir Reis oder Nudeln kaufen möchten. Wir wählen zwischen dreißig verschiedenen Nudelmarken, -formen und -farben und ebenso vielen Reissorten. Wir dürfen entscheiden, welchen Beruf wir ausüben, sogar, ob wir einen Beruf ausüben. Ob wir studieren, eine Ausbildung machen oder unser Glück auf eigene Faust versuchen. Wir wählen zwischen verschiedenen Arbeitszeitmodellen, entscheiden uns für ein Leben in Partnerschaft oder auch nicht. Wir entscheiden, ob wir selbstständig oder angestellt arbeiten. Wir entscheiden uns, was wir zum Abendessen kochen, ob wir chinesisch, vietnamesisch, koreanisch oder italienisch bestellen. Ob wir Vegetarier oder Veganer sind. Wir haben unfassbares Glück. Oder nicht? 

»An den Scheidewegen des Lebens stehen keine Wegweiser.«
– Charlie Chaplin – 

Wer die Wahl hat, hat die Qual. Wir stehen vor einem Meer aus Möglichkeiten, was uns jedoch nicht zwingend glücklicher macht. Denn wer sich frei entscheiden darf, an dem nagt auch die Ungewissheit. Hätte hinter der nächsten Ecke vielleicht die noch bessere Chance gewartet? Der bessere Partner? Die bessere Pizza? Der bessere Job? 

Was macht uns das Entscheiden schwer? 

Die meisten Alltagsentscheidungen unseres Lebens fühlen sich nicht mehr wie Entscheidungen an. Wir treffen sie intuitiv oder aus Routinen heraus. Die wenigsten von uns entscheiden sich bewusst, wenn sie ihren Tag mit dem Einschalten der Kaffeemaschine beginnen. Wir steigen für unseren Arbeitsweg in die S-Bahn und starten täglich etwa zur selben Zeit unseren Arbeitstag. Wir haben Gewohnheiten. 

Rituale vereinfachen unser Leben, damit wir in den  unendlichen Weiten unserer Entscheidungsfreiheit nicht verloren gehen. 

Viele Entscheidungen fallen uns nicht schwer: Hast du die Wahl zwischen Pasta, die du sehr gerne isst und Rosenkohl, der dir nicht schmeckt, weißt du sofort was du nimmst. Bei zwei Alternativen, die du magst, wird es schon schwieriger. Und ist die Speisekarte voller leckerer Gerichte, sitzt du ratlos vor der Speisekarte. Eine Entscheidung wird also dann schwer, wenn wir vor mehreren gleich guten Möglichkeiten stehen. 

Unser Leben ähnelt manchmal einem reichhaltigen Buffet. Die Entscheidung für das Abendessen ist dabei noch das kleinste Übel. Wer hingegen vor der Berufswahl steht, verschiedene, tolle Projekte zur Auswahl hat oder andere große Lebensentscheidungen treffen muss, für den ist eine Vielzahl an Möglichkeiten oft eher Last als das große Los. 

Was beeinflusst unsere Entscheidungen? 

Entscheidungen zu treffen ist ein komplexer Prozess. Er wird beeinflusst durch unseren Verstand und rationale Argumente, unsere Intuition, Erfahrungen, Prägung, gesellschaftliche Erwartungen. Aber auch zum Beispiel Hormone spielen eine Rolle: Adrenalin führt häufig zu schnelleren, unüberlegteren Entscheidungen. Dopamin lässt eine Alternative positiver erscheinen, als sie vielleicht ist. Je nachdem, ob wir bei der Entscheidungsfindung eher rational oder intuitiv vorgehen, definieren wir uns als Bauch- oder Kopftyp. Dabei ist keine der beiden Arten richtig oder falsch. Der eine fühlt sich wohler mit ausgeklügelten Pro- und Kontralisten, der andere vertraut auf sein Gefühl. 

Manchmal werden Entscheidungen zusätzlich dadurch erschwert, dass die Auswirkungen nicht nur uns, sondern auch andere betreffen. Zum Beispiel ein Job in einer anderen Stadt, der den Umzug für die ganze Familie bedeutet. Dann versuchst du nicht nur deine Bedürfnisse zu überdenken, sondern auch die deiner Lieben. 

Bestimmt hat schon jeder von uns eine Entscheidung treffen müssen, die ihm nicht leicht gefallen ist. Natürlich können wir uns Rat und verschiedene Meinungen einholen, doch letztendlich sind wir beim Handeln auf uns gestellt.  

Was das Entscheiden so schwer macht, ist die Tatsache, dass es die allgemeingültige, „richtige“ Entscheidung nicht gibt. Du kannst nur die Möglichkeit wählen, die dir selbst am meisten entspricht und mit der du dich am wohlsten fühlst. Vielleicht sind dir folgende Fragen ein Denkanstoß. 

Vier Fragen zur Entscheidungshilfe

»Da das Leben nur rückblickend verstanden werden kann, aber nach vorne blickend gelebt werden muss, können wir keine richtigen oder falschen Entscheidungen treffen – immer nur Entscheidungen.«
– Dieter Lange, Coach – 

1. Wer möchte ich sein? Ist es eine Entscheidung für oder gegen mich?

Die Summe unserer Entscheidungen, groß oder klein, macht uns zu dem, was wir sind. Nehmen wir einmal an, du bekommst eine berufliche Chance im Ausland geboten und bist unsicher, ob du diese wahrnehmen, oder in deinem gewohnten Umfeld bleiben sollst, in dem du dich ebenfalls wohl fühlst. Beide Optionen haben für dich Vor- und Nachteile.

Vielleicht fühlst du eine Tendenz, wenn du einen Moment inne hältst und dich fragst, was für ein Mensch du sein möchtest. Möchtest du verlässlich sein, jemand, der langfristige Beziehungen und Freundschaften pflegt, der jeden Baum in seiner Umgebung mit Namen kennt und ein Zuhause braucht? Fühlt sich das gut für dich an? Oder möchtest du jemand sein, der Abenteuer eingeht, der neue Kontakte schließt, verschiedene Erfahrungen macht, bei Stippvisiten in der Heimat derjenige ist, der die Geschichten von Woanders zu erzählen hat?

Was entspricht dir mehr? Womit fühlst du dich wohler? Oder fühlt sich vielleicht keine dieser Optionen nach dir an? Welcher Mensch möchtest du sein? 

2. Kann ich mit den Konsequenzen meiner Entscheidung leben?

Jede Entscheidung birgt Konsequenzen, und sei es, die Vorzüge der anderen Option nicht ausschöpfen zu dürfen. In unserem Beispiel sind die Konsequenzen offensichtlich: Sie bedeuten Umzug, die Nähe zu Freunden und Familie zu verlieren, die eigene Sprache, Kultur und Herkunft hinter sich zu lassen. Diese Konsequenzen sind relativ weitreichend. Kannst du mit den Begleiterscheinungen deiner Wahl gut leben? 

3. Was ist das bestmögliche Ergebnis meiner Entscheidung?

Lassen wir die Konsequenzen deiner getroffenen Entscheidung außen vor. Welche Chancen halten deine Wahlmöglichkeiten für dich bereit? Spannend kann auch sein, diese Frage schriftlich zu beantworten, alle positiven Aspekte gegenüberzustellen und zu gewichten. So kannst du vielleicht herausfinden, ob du nicht sowieso schon eine Tendenz in dir trägst. 

4. Wieso fällt mir diese Entscheidung so schwer?

Was ist der Grund für dein Zögern? Sind alle Möglichkeiten gleich gut? Haben alle einen entscheidenden Nachteil, den du nicht in Kauf nehmen möchtest? Oder kommt vielleicht keine der Alternativen in Frage? Manchmal gibt es nicht nur schwarz oder weiß. Wenn es kein klares „Ja“ zu einer der Möglichkeiten gibt – ist da vielleicht noch eine, über die du noch nicht nachgedacht hast? Oder gibt es einen Kompromiss? 

Zu seinen Entscheidungen stehen

Entscheidungen zu treffen heißt, Verantwortung für sein Leben zu übernehmen. Natürlich kannst du dich auch geschickt aus der Affäre ziehen und dich um Entscheidungen herum manövrieren – doch damit bringst du dich um deine Möglichkeit zur Selbstbestimmung und riskierst unter Umständen, dass Entscheidungen FÜR dich getroffen werden, die dir nicht entsprechen. 

„Es ist besser, unvollkommene Entscheidungen durchzuführen, als beständig nach vollkommenen Entscheidungen zu suchen, die es niemals geben wird.“
—  Charles de Gaulle

Die meisten großen Entscheidungen konfrontieren uns mit Widersprüchen und Ambivalenzen. Die Welt ist nun einmal nicht schwarz oder weiß, sondern ist in zahlreichen Abstufungen schattiert.

Und: Es ist keine Schande, wenn du im Nachhinein erkennst, dass du dich geirrt hast. Habe Vertrauen in deine Fähigkeit, auch mit Fehlentscheidungen umzugehen. Du darfst den Kurs wieder ändern, deine Meinungen revidieren, Fehler machen. Dich für einen Weg zu entscheiden, zurückgehen, ins kalte Wasser springen. Gewinnen. Manchmal scheitern, wieder aufstehen. Das ist das Leben. Es zieht an dir vorbei, wenn du dich nicht traust. Wir haben die Freiheit zu wählen. Wir haben unfassbares Glück. Ist das nicht schön? 

Quälst du dich gerade mit einer Entscheidung? Vereinbare ein unverbindliches Erstgespräch und wir sprechen darüber.