Sich seiner Selbst bewusst und damit im Reinen zu sein. Sich dem inneren Wesenskern entsprechend zu verhalten. Authentizität. Klar weiß ich, was das bedeutet. Doch erst während ich mich für diesen Artikel näher mit der Authentizität beschäftige wird mir klar, wie wenig greifbar sie für mich ist, die Authentizität. Was bedeutet das denn? Echt sein? Wie bekommen wir einen unverstellten Zugang zu diesem „wahren Selbst“? Es konfrontiert uns mit einer der schwersten Fragen überhaupt: Wer bin ich eigentlich? 

Ich stolpere bei meiner Suche nach einer Definition von Authentizität über ein spannendes Audio  und stelle fest, ich bin nicht alleine mit meiner Unklarheit. Authentizität ist komplex und beinhaltet verschiedene Komponenten. 

„Whatever satisfies the soul is truth.“

– Walt Whitman, Amerikanischer Poet –

Was es so schwierig macht, ist, dass unser Kern häufig durch Prägungen, Erziehung, Erfahrung und Erwartungsdruck verschüttet ist. Versuchen wir uns selbst zu definieren und zu beschreiben, nennen wir häufig zuerst äußere Merkmale, unseren sozialen Status, Beruf und die verschiedenen Rollen, die wir einnehmen: Tochter, Sohn, PartnerIn, FreundIn usw. Doch unser Kern ist noch ein wenig tiefer verborgen. Wer bist du, wenn du dich durch diese verschiedenen Schichten arbeitest? Was bleibt übrig, wenn du deinen Besitz, deine Äußerlichkeiten, deine Rollen, deinen Beruf, außen vor lässt? Welche Eigenschaften beschreiben dich am besten? 

Authentischer zu werden ist weniger ein Lernprozess als die Fähigkeit, sich gelernter Prägung zu entledigen. Oder sie zumindest zu reflektieren. Und sich dann zu fragen, welche erlernten Haltungen MIR entsprechen.  

Sich selbst besser kennenzulernen ist jedoch nur der eine Teil der Suche. So sehr wir uns bemühen, unseren Kern im stillen Kämmerlein zu finden: das wird uns nur bedingt gelingen. Authentizität passiert dann, wenn wir uns selbst in der Interaktion mit anderen nah sind. Es beinhaltet also auch immer eine Beziehungskomponente.

Werde, der du bist 

– Friedrich Nietzsche, Philosoph –

Besonders in der humanistischen Psychologie spielt die Authentizität in Form des Selbstverständnisses eine wichtige Rolle. Mangelnde Kongruenz, also die Unstimmigkeit zwischen Selbstverständnis und Handeln, führe zu Depressionen und Ängsten. Die Selbstwerdung hingegen sei unsere eigentliche Bestimmung, das, was für uns als Mensch erstrebenswert sei. Je besser es uns gelingt, uns unseren Überzeugungen entsprechend zu verhalten und uns selbst bewusst zu sein, desto zufriedener seien wir. 

Es gibt unterschiedliche Studien dazu, dass ein persönliches Empfinden von Echtheit in unseren Gefühlen und Handlungen entscheidend mit unserem psychischen Wohlbefinden zusammenhängen.  Kernis und Goldman belegen diese These und stellen in einer Studie mit Psychologiestudenten einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Authentizität, Lebenszufriedenheit und Selbstwert fest.

Authentizität – ein Schlüssel zum Erfolg

Wenn man sich mit Authentizität beschäftigt, stolpert man regelmäßig über die Schlagwortsatz, dass sie der „Schlüssel zum Erfolg“ sei. Ich spinne diesen Gedanken ein wenig weiter, und mir wird die Wahrheit dieser Aussage schnell deutlich. 

Weißt du, was du willst und kannst und du dich dementsprechend verhältst, entscheidest du dich für den Job, der dir am meisten entspricht. Du sprichst die Kunden an, die dir nah sind und die du begeistern willst. Du verwirklichst Projekte, mit denen du dich identifizieren kannst. Du kannst dein Profil und deine Leistungen schärfer definieren. Und das wiederum merken natürlich die Menschen, mit denen du dich beruflich umgibst. Du wirkst glaubhafter, ehrlicher und steckst andere mit deiner Begeisterung an. Du strahlst eine natürliche Leichtigkeit und Sicherheit aus, weil du von dir und deiner Leistung überzeugt bist. 

Wer liebt, was er tut, ist weniger anfällig für Stress, ist kreativer und bildet sich bereitwillig weiter. Authentizität als Schlüssel zum Erfolg – da ist mit Sicherheit etwas dran. 

Besonders unsere und jüngere Generationen streben auch in ihrem Arbeitsleben nach einem wertebasierten Umfeld. Wir wollen im Einklang mit unseren Überzeugungen arbeiten. Die Unternehmen müssen mitziehen, wenn sie diese gut ausgebildeten und hochqualifizierten Mitarbeiter für sich gewinnen wollen. Das spiegelt sich auch in einem veränderten Führungsstil wieder. Die transformationale Führung setzt auf intrinsische Motivation. Sie will Angestellte, die eigenverantwortlich handeln, sich mit ihrem Produkt identifizieren, Verantwortung übernehmen und selbstwirksam Prozesse anstoßen. Das stellt neue Herausforderungen an die Persönlichkeit von Führungskräften.

Authentische Führungskräfte als Erfolgsrezept

Es ist beeindruckend, wie sich nicht nur unsere eigene Authentizität, sondern auch die unserer Führungskräfte auf die Arbeitsleistung und das Wohlbefinden auswirkt.

Mitarbeiter unter authentischer Führung sind engagierter, zufriedener mit ihrer eigenen Arbeitsleistung und setzen mehr Vertrauen in ihren Vorgesetzten. Ich gehe davon aus, dass zufriedenere Mitarbeiter auch für längere Zeiträume ihrem Arbeitsplatz treu sind. Das wiederum führt dazu, dass Wissens- und Qualitätsverluste durch häufigen Personalwechsel vermieden werden. 

Authentische Führung setzt einen besonders hohen Anspruch an die persönlichen Merkmale von Führungskräften. Denn auf der einen Seite sind sie natürlich trotzdem für die Verfolgung von Unternehmenszielen und Gewinn verantwortlich, auf der anderen Seite behalten sie ihre persönlichen Werte und Überzeugungen im Blick. 

„Authentisch zu führen heißt, sich selbst immer wieder zu fragen, was jetzt im Augenblick gerade wichtig ist, sich selbst zu glauben, was als Idee oder Gefühl entsteht, dieses wahrzunehmen, zu werten und in überlegter Weise danach zu handeln.“ 

– Schuster, G. Dtsch Arztebl 2019

Wie schwierig es manchmal ist, berufliche und private Interessen mit Authentizität in Einklang zu bringen, beschreibt der genannte Artikel sehr schön in einem privaten Einblick in den Alltag eines Chefarztes. Wir sind so häufig damit konfrontiert, unterschiedlichen Erwartungen erfüllen zu wollen, dass wir vergessen, wie unsere Erwartung an uns selbst lautet. Dann versinken wir im Stress und handeln unüberlegt so, dass wir weder uns selbst, noch anderen gerecht werden. Natürlich geht es auch Führungskräften so. Vielleicht sogar in besonders ausgeprägtem Maß, weil sie so einer Vielzahl von Erwartungen gegenüber stehen. Wir sind ja alle nur Menschen. 

Das schöne an der authentischen Führungskraft: Sie weiß das und gibt es auch zu.

Rundum authentisch – Umgang mit den persönlichen Schattenseiten

Niemand von uns ist perfekt, wir alle tragen die ein oder andere Eigenschaft oder Macke mit uns herum, die sowohl uns selbst, als auch anderen nicht gefallen. Der eine ist notorisch unpünktlich, der andere kann schlecht mit Geld umgehen, wieder ein anderer reagiert schnell genervt und der nächste ist ein kleiner Besserwisser und wird unfreundlich, wenn er schlecht geschlafen hat. Diese Charakterzüge gehören zu uns wie die guten Seiten, auch wenn wir sie gerne verleugnen würden.

Kennst du deine Schwächen? Denkst du, es gibt in dir blinde Flecken? Haben dich schon mehrere Menschen auf etwas angesprochen, von dem du dachtest: „Was? Ich doch nicht!“ Hinterfrage, ob nicht vielleicht doch ein wahrer Kern dahintersteckt, den du vielleicht einfach nicht sehen möchtest. Verstecken oder verleugnen wir unsere Schattenseiten, zeigen wir uns letztendlich nicht ganz, halten immer einen Teil im Verborgenen – was genauso wenig wahr ist, wie mit unseren positiven Seiten aus Bescheidenheit hinterm Berg zu halten oder wenn wir uns verbiegen, um zu gefallen. Trotzdem bedeutet Authentizität nicht, jede Stimmung und Laune an unseren Mitmenschen auszulassen. 

Die Grenzen der Authentizität

Sprechen wir von Authentizität, haben die meisten einen durchwegs sympathischen Charakterzug im Kopf. Doch Echtsein bedeutet auch manchmal, eine unliebsame Meinung zu äußern oder dem eigenen Bedürfnis entsprechend etwas zu tun (oder nicht zu tun), das ein anderer von mir erwartet. Dann wirkt die Authentizität plötzlich nicht mehr so sympathisch, dann wird man zum bockigen Querulanten. 

Authentizität beinhaltet auch eine Prise Egoismus. Denn es geht darum, MEINE Interessen zu vertreten, MEINEN Bedürfnissen zu folgen, mich MEINEN Werten und Überzeugungen entsprechend zu verhalten. Auch zu dem Preis, mich entgegen dem Willen eines anderen zu verhalten oder mich unbeliebt zu machen. Meiner Ansicht nach ist das fast unvermeidlich, wenn man authentisch sein möchte: Niemand kann von allen gemocht werden. 

Es kann ein Drahtseilakt sein, die Balance zwischen Authentizität und Sozialverträglichkeit zu wahren. Natürlich möchten wir uns selbst möglichst nah sein und uns dementsprechend verhalten. Doch neben unserem Leben als Individuum sind wir auch Teil verschiedener Gemeinschaften und einer Gesellschaft, einer Kultur, eines sozialen Gefüges. Was, wenn unsere persönlichen Überzeugungen nicht mit denen des Systems übereinstimmen, sich vielleicht sogar ausschließen?

Zu jedem Zeitpunkt Ehrlichkeit walten zu lassen, kann manchmal auch einfach taktlos und grenzüberschreitend sein. Schulz von Thun schreibt in einem Artikel, den ich an dieser Stelle besonders ans Herz legen möchte, dass wir uns in diesem Fall sogenannten „Schwesterntugenden“ wie Diplomatie und Sensibilität bedienen.  Diese seien unter Umständen ebenso Teil unserer Authentizität wie unsere offen ausgesprochene Meinung. 

Ruth Cohn, die Begründerin der Themenzentrierten Interaktion und sehr einflussreiche Psychoanalytikerin, prägte den Begriff der selektiven Authentizität. Cohn steht für eine bejahende Haltung gegenüber allem Lebendigen, für einen wahren und ehrlichen, aber auch respektvollen Umgang miteinander. Für mich bringt sie den Zwiespalt von Ehrlichkeit und Offenheit und dem Wert, andere nicht respektlos zu behandeln, auf den Punkt: 

„Nicht alles was echt ist, will ich sagen, doch was ich sage soll echt sein.“ 

– Ruth Cohn, Psychoanalytikerin – 

Ich möchte mich mir selbst entsprechend verhalten. Doch mein Wert ist es auch, andere Menschen nicht grundlos vor den Kopf zu stoßen oder zu verletzen. Vielleicht ist manchmal ein diplomatisches Schweigen genauso authentisch wie eine offen ausgesprochene Meinung.

Unsere Meinungen und Werte sind oftmals nicht nur schwarz oder weiß. Wir tragen unterschiedliche Wahrheiten in uns. Manchmal sind sie sogar widersprüchlich – nichtsdestotrotz sind sie beide wahr. Sich im Zwiespalt zu befinden muss kein Ausdruck mangelnder Klarheit oder Authentizität sein. Oftmals geht es um ein situationsbedingtes Abwägen unserer Werte und darum, einen der beiden schwerer zu gewichten. 

Wer selbst den Anspruch auf Authentizität erhebt, muss sie auch anderen zugestehen. Auch hier gilt es Unterschiedlichkeiten auszuhalten und auch entgegengesetzte Meinungen gleichberechtigt nebeneinander existieren zu lassen. Authentizität ist eben nicht Egomanie, heißt nicht, ich bin richtig und alle anderen falsch. Sondern jedem die persönliche Wahrheit zu lassen, solange diese Wahrheit die Grenzen anderer nicht verletzt. 

Wer authentisch sein will, muss damit leben, manchmal anzuecken. Doch Toleranz, Sensibilität und Offenheit gegenüber anderen Meinungen und Lebensmodellen schützt uns davor, zum Egoisten zu werden. 

 

Quelle neben angegebenen Hyperlinks: 

Gardner, W. L., Avolio, B. J., & Walumbwa, F. O. (2009). Authentic Leadership Theory and Practice: Origins, Effects and Development. Oxford: Elsevier. 

Goldman, B. M., Kernis, M. H.  (2006). A multicomponent conceptualization of authenticity. Theory and research.