Was macht eine bewusste Selbstwahrnehmung so wichtig? 

Schon in meinem Artikel zum Thema Authentizität habe ich darüber geschrieben, welchen Stellenwert die Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit und Gefühlen hat: Wer sich ihnen entsprechend verhält, ist Studien zu Folge zufriedener. Wir schlingern nicht ziellos durchs Leben, sondern gehen den Weg, der unseren Neigungen, Bedürfnissen und Wünschen entspricht. Das steigert unseren Selbstwert, hält uns psychisch gesund und macht uns beruflich erfolgreicher. Bewusste Selbstwahrnehmung ist dein Schlüssel zu dir, deinen Stärken und Fähigkeiten. Coaching wiederum ist der Raum dafür, dir Zeit für dich zunehmen und dir deiner selbst bewusster zu werden. 

In unserem Alltag sind wir häufig mit einer solchen Vielzahl von Aufgaben und Erwartungen konfrontiert, dass wir den Kontakt zu uns selbst verlieren und dementsprechend gar nicht mehr authentisch handeln können. Wir gehen ohne es zu merken über eigene Grenzen hinweg. Sagen „Ja.“, obwohl wir „Nein.“ denken. Halten unsere Meinung zurück. Setzen ein Lächeln auf, obwohl uns zum Heulen zumute ist. Wir ignorieren Hunger-, Durst-, und Schlafbedürfnisse, weil dafür gerade keine Zeit ist. Wir verlieren das Gefühl dafür, wie wir auf andere wirken. Wir spielen Rollen, von denen wir denken, dass sie uns zugedacht sind.

Wenn wir das zu lange machen, steuern wir unter Umständen geradewegs auf ein Burn-Out zu. Oder vergessen irgendwann wer wir sind, was wir wollen und fühlen. 

„Alle Weisheit ist langsam.“

Christian Morgenstern, Schriftsteller

Sich selbst zu finden, nahe zu bleiben und bewusst zu sein – das ist kein Prozess, der irgendwann abgeschlossen ist. Es ist die lebenslange Übung eines achtsamen Umgangs mit sich und seiner Umwelt. Sie erfordert eine gewisse Langsamkeit, den Mut zum Innehalten und Hinsehen. Vermutlich wird deine „Lernkurve“ in punkto Selbstwahrnehmung auch nicht linear verlaufen, das heißt, du wirst nicht immer „besser“, je mehr du übst. Es wird immer wieder Phasen geben, in denen du dir näher bist. Und Phasen, in denen du dich wieder ein wenig von dir entfernst.

Doch wie kann ich mich mir selbst annähern? 

Uns selbst in Gänze zu erfassen, bedeutet, verschiedene Komponenten mit einzubeziehen. Schließlich setzt sich unser Selbst aus verschiedenen Puzzlestückchen zusammen: wir sind Körper, Verstand, Fähigkeiten, Persönlichkeit, Gefühl und noch vieles mehr. All diese Teile sind nicht voneinander isoliert zu betrachten. Sie beeinflussen sich gegenseitig und verändern sich im Verlauf eines Lebens. Die Annäherung an uns selbst kann also auf verschiedenen Ebenen ansetzen, genauso, wie sich unser Selbst aus verschiedenen Komponenten zusammensetzt. Ich möchte in diesem Artikel drei Möglichkeiten beschreiben, sich dem eigenen Selbst ein wenig anzunähern – Möglichkeiten, die wir im Coaching auch für uns nutzen.

I Sich seiner Persönlichkeit bewusst sein

Ein kleiner Anstoß zur Annäherung an den eigenen Charakter kann das Ocean-Modell sein, auch Fünf-Faktoren-Modell oder Big-Five-Modell genannt. Es ist ein Modell aus der Persönlichkeitspsychologie und in der Wissenschaft anerkannt als das Modell, das die Säulen unser Persönlichkeit beschreibt. 

Wenn dich die Frage nach deinen Charaktereigenschaften eher ratlos zurücklässt, liefert dieser Ansatz dir vielleicht einige Ideen und Impulse. Der Test, den ich jedoch ohne professionell begleitete Auswertung lediglich als Anregung zum Nachdenken empfehle, ist im Internet inklusive individuellem Ergebnis kostenlos verfügbar

Im Gegensatz zu anderen Erklärungsansätzen, die eher versuchen Persönlichkeitstypen auszumachen, arbeitet das OCEAN-Modell mit verschiedenen Charaktereigenschaften und deren Ausprägung. Es gibt damit einen recht differenzierten Aufschluss über die eigene Persönlichkeit. OCEAN ist ein Akronym und steht für: 

O – Openness to experience/ Aufgeschlossenheit: Wie empfänglich sind wir für neue Erfahrungen und Erlebnisse?

C – Conscientiousness/ Gewissenhaftigkeit: Wie organisiert und strukturiert arbeiten wir? 

E – Extraversion/ Geselligkeit: Inwieweit agieren wir mit und reagieren wir auf unsere Umwelt? 

A – Agreeableness/ Verträglichkeit: Wie ausgeprägt sind Empathie, Kooperationsbereitschaft und Rücksicht? 

N – Neuroticism/ Verletzlichkeit: Wie reagieren wir auf Rückschläge und Schwierigkeiten?

Diese Faktoren sind als Kernmerkmale unserer Persönlichkeit zwar am stabilsten, aber nicht unveränderlich. So nimmt die Extraversion zum Beispiel Studien zu Folge im Laufe des Lebens ab, während die Gewissenhaftigkeit zunimmt. Das hängt unter anderem auch mit den Rollen zusammen, die wir in unterschiedlichen Lebensabschnitten übernehmen – und dementsprechenden Lern- und Veränderungsprozessen, die wir auch selbst beeinflussen können. 

„Wer zugleich seinen Schatten und sein Licht wahrnimmt, sieht sich von zwei Seiten, und damit kommt er in die Mitte.“

Carl Gustav Jung

Was habe ich davon, wenn ich mich mit meinen Persönlichkeitsmerkmalen auseinandersetze?

Vielleicht ist es dir schon häufiger passiert, dass du mit Verhaltensweisen aneckst oder Menschen aggressiv auf dich reagieren, ohne, dass du dir das erklären könntest. Du wurdest mehrfach bei einer Beförderung übergangen oder hast eine Reihe von missglückten Vorstellungsgesprächen hinter dir, obwohl dein Lebenslauf einwandfrei ist. Vielleicht kommt es zwischen dir und deinen Freunden immer wieder zu Missverständnissen.

All das könnten Hinweise darauf sein, dass dir ein Teil deiner Persönlichkeit nicht bewusst ist. Immer wieder gegen unsichtbare Mauern zu laufen oder von anderen kritisiert zu werden, ist meist weit unangenehmer, als sich selbst mit seinen Schwächen zu konfrontieren. Lassen wir das z.B. durch die Arbeit im Coaching zu, haben wir die Möglichkeit, sie entweder als Teil von uns zu integrieren oder an ihnen zu arbeiten. Es hilft uns, eine realistische innere Haltung zu entwickeln: Wer bin ich jetzt? Wer möchte ich in Zukunft sein? 

Eine kleine Coaching-Übung zur Annäherung an deine persönlichen Eigenschaften: 

Notiere drei Eigenschaften, die dich deiner Meinung nach am besten beschreiben. Vielleicht fällt es dir schwer, treffende Charaktermerkmale zu formulieren. Dafür kannst du dich vorab mit dem OCEAN-Modell auseinandersetzen. Dann bekommst du sicher ein besseres Gespür dafür. Schreibe anschließend auf, WIESO du diese Eigenschaft an dir besonders prägnant findest, beziehungsweise beschreibe eine Situation, in der du dich dieser Eigenschaft entsprechend verhalten hast. 

Notiere anschließend drei Eigenschaften, die dich am wenigsten beschreiben und begründe, weshalb sie nicht zu dir passen. 

Aufschlussreich kann es zusätzlich sein, im Anschluss Freunde oder Familienmitglieder zu bitten, dich mit drei Eigenschaften zu beschreiben.

II Sich seinen Emotionen und Gefühlen bewusst sein

Begrifflich sind die Emotionen klar von den Gefühlen abzugrenzen. Emotionen sind evolutionär gesehen dazu da, unser Überleben zu sichern. Durch einen äußeren Reiz wird eine unmittelbare neuronale Reaktion hervorgerufen. Diese Emotion löst ein Verhalten aus, das unsere Unversehrtheit zum Ziel hat. 

Welche Emotionen genau zu den Basisemotionen gezählt werden, entscheidet sich von Theorie zu Theorie. Laut Plutschiks Emotionstheorie sind es sieben: Furcht, Ärger, Überraschung, Erwartung, Ekel, Vertrauen, Freude und Traurigkeit. Aus der Kombination dieser primären Emotionen entstehen laut ihm weitere Mischformen. Emotionen sind genetisch in uns verankert uns lassen sich äußerst schwer steuern und verheimlichen, weil sie oftmals auch unmittelbare körperliche Auswirkungen haben, wie zum Beispiel in unserer Mimik.

Gefühle hingegen entstehen als Reaktion auf Emotionen und den damit gemachten Erfahrungen. Damit haben zum Beispiel auch der kulturelle Hintergrund oder Bildung einen Einfluss auf sie – und manchmal fühlen wir etwas, das nicht so recht auf das Hier und Jetzt zu passen scheint. Grund dafür sind häufig die Erfahrungen, aus denen das Gefühl entstanden ist.  Gefühle sind leichter steuerbar als Emotionen und können, zum Beispiel in therapeutischen Prozessen, beeinflusst werden.

Wir haben ein schier endloses Reportoire an ausdifferenzierten Gemütsbewegungen. Irritiert, neidisch, aufgeregt, beschämt, stolz, geborgen, gehetzt, verletzt, sehnsüchtig, ausgelaugt, verliebt, angezogen, abgestoßen und viele, viele mehr. Doch wenn uns jemand ein „Wie geht`s?“ zuwirft, antworten wir nur „Gut.“. Und wenn wir uns zu lange nicht mit unseren Gefühlen beschäftigen, vergessen wir manchmal den Reichtum und die Facetten, die wir eigentlich in uns tragen.

„So wie er in seinem Herzen denkt, so ist er.“

Salomo

Wieso ist ein Verständnis für die eigenen Emotionen und Gefühle wichtig? 

Emotionen und Gefühle steuern unsere Handlungen und physiologische Prozesse. Wer zum Beispiel keinen rechten Zugang zu seinen Ängsten hat, wundert sich vielleicht, weshalb er ausgerechnet vor wichtigen Präsentationen mit  Magenkrämpfen und Kreislaufproblemen herumschlägt oder vermeidet das Reden vor anderen sowieso schon im Vorhinein, wodurch Talente und Ideen im Verborgenen bleiben. Wenn du dich deinen Gefühlen und deren Ursprung stellst, hast du die Möglichkeit, sie einem Realitätscheck zu unterziehen und zu verarbeiten.

Doch auch und besonders das Bewusstmachen von angenehmen Emotionen ist bedeutsam. Sie sind das, was uns kleine Inseln und Erholungspausen im Alltag schafft. Sie machen unser Leben lebenswert und belohnen uns für Erfolge. 

Eine kleine Coaching-Übung für das Schulen der Gefühlswahrnehmung: 

Lasse für eine Woche jeden Abend den Tag Revue passieren. Notiere, an welche deiner Gefühle du dich erinnern kannst. Sei dabei möglichst differenziert und vermeide Begriffe wie „gut“ oder „schlecht“. Wenn du möchtest, kannst du in der darauffolgenden Woche dein Notizbuch mit dir führen und deine Gefühle direkt in oder nach der auftretenden Situation aufschreiben – so trainierst du, deine Gefühle unmittelbar wahrzunehmen und zu benennen.

III Sich seines Körpers bewusst sein

Unser Körper ist eine großartige Maschine. Mit ihr entdecken wir die Welt, schmecken, riechen, hören, tasten. Sie trägt uns auf zwei Beinen von einem Ort zum anderen, bereitet uns Freude durch Sport, sorgt durch seine Einzigartigkeit dafür, dass andere uns wiedererkennen. Er schickt uns Warnsignale, damit wir uns angemessen um ihn kümmern: Hunger, Durst, Schmerz. Leider werden wir ihm oft nicht gerecht, sitzen krumm auf unseren Schreibtischstühlen, essen geschmacksneutrale Fertiggerichte, bewegen uns zu selten, ignorieren Rücken- und Kopfschmerzen und nehmen lieber eine Tablette, als einfach mehr Wasser zu trinken. 

Welchen Vorteil hat ein gesundes Körperbewusstsein?

Hören wir achtsam auf unsere Körpersignale – wie zum Beispiel Hunger, Durst, Müdigkeit, Schmerz, Verspannung – können wir ihn angemessen versorgen. Wir bleiben körperlich gesund, was auch unserem seelischen Wohlbefinden zuträglich ist. 

Darüber hinaus hat auch unsere Haltung einen enormen Einfluss auf unsere Psyche, was sich mittlerweile auch Körper-und Psychotherapien zu Nutze machen. Besonders auffällig sind negative Effekte: Wer sich häufig zusammengekauert mit hängenden Schultern und Kopf ertappt, sollte sich bewusst wieder aufrichten. Denn diese Haltung verstärkt Niedergeschlagenheit und Antriebslosigkeit.

Wie kann ich meine Körperwahrnehmung verbessern? 

Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, das eigene Körpergefühl zu trainieren. Angefangen bei Progressiver Muskelentspannung nach Jacobson, Bodyscan oder Yoga, eignet sich praktisch jede Sportart, um sich selbst wieder besser spüren zu lernen. Es gibt in zahlreichen Städten Barfußparks oder Dunkelcafés, oder du kannst dich mit dem Konzept des Achtsamen Essens auseinandersetzen. 

Informiere dich außerdem auf der Homepage deiner Krankenkasse über die Möglichkeiten der Gesundheitsprogramme – im Zuge der Corona-Krise haben zahlreiche Kassen zur Prävention, Stressreduktion und Bewegungsanleitung kostenlose Tools zur Verfügung gestellt, die von simplen Anregungen bis hin zu mehrwöchigen Workshops und Mitgliedschaften in Online-Fitnessstudios reichen. 

Es gibt so viele Möglichkeiten, deine Selbstwahrnehmung zu schulen. Jede bewusste Auseinandersetzung mit deinen Handlungen, deinen Eigenschaften, Gefühlen und deinem Körper bringt dich ein Stück näher zu dir. Manchmal hilft es jedoch auch, seine Gedanken in einem Gespräch zu sortieren. Ich unterstütze dich gerne dabei! Vereinbare ein unverbindliches Erstgespräch und wir finden heraus, wie wir ich dich dabei unterstützen kann, dich selbst besser wahrzunehmen.