Emotionen als Impulsgeber für Entscheidungen

Wenn wir im Privatleben auf unsere Intuition vertrauen, wird das vielleicht noch positiv als Spontanität oder als liebenswerter Spleen gewertet. Vielleicht werden wir von dem ein oder anderen belächelt, andere loben unseren guten „siebten Sinn“. Im Job wird dagegen nicht mehr so viel gelächelt, wenn wir Entscheidungen anstatt mit rationalen Argumenten mit unserem „Bauchgefühl“ begründen.  

Meiner Meinung nach zu Unrecht. Denn Intuition ist keinesfalls nur gefühlte Wahrheit oder Mystik, die keiner Logik folgt. Viel mehr ergänzt sie die rationale Überlegung durch die Komponente Erfahrung und erlaubt den Zugriff auf unbewusstes, implizites Wissen und Emotion. 

Wer jetzt beim Begriff „Emotion“ im Zusammenhang mit professionellen Entscheidungen skeptisch ist, dem möchte ich gerne Elliot vorstellen. 

Elliot Smith kam 1982 zum portugiesischen Neurowissenschaftler António Damásio. Ihm war vor einigen Monaten aufgrund eines Tumors im Gehirn der Stirnlappen entfernt worden. Körperlich galt er als genesen. Es gab keine körperlichen oder kognitiven Einschränkungen. Jedoch hatte Elliot mit Persönlichkeitsveränderungen in Form von Gefühlsarmut und Problemen in der Entscheidungsfindung zu kämpfen. Er grübelte und grübelte, kam aber zu keinem Ergebnis. Damásio sah in diesen beiden Symptomen einen Zusammenhang und entwickelte daraufhin mit einigen Kolleg*innen den Iowa Gambling Test. Dabei sollte der Zusammenhang ebensolcher Erkrankungen in der Stirnlappenregion mit dem Treffen von Entscheidungen gemessen werden. Und siehe da: Gefühle sind die Impulsgeber für unsere Entscheidungen. Sie lassen uns spüren, was für uns gut ist. Und lassen uns jene Optionen meiden, die für uns schlecht sind. Dieser Teil war bei Elliot irreparabel geschädigt worden, was dazu führte, dass er entscheidungsunfähig war. 

Unser Verstand ist ohne Gefühl vollkommen orientierungslos.  

Intuition versus Ratio – Wann tun wir gut daran, auf unser Bauchgefühl zu hören? 

„Nichts ist im Verstand, was nicht zuvor in der Wahrnehmung wäre.“

– Thomas von Aquin –

Grundsätzlich gibt es zwei unterschiedliche Herangehensweisen, um eine Entscheidung zu treffen. 

Intuitive Entscheidungen treffen wir häufig innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde. Deswegen haben wir häufig sofort eine erste Tendenz, wenn wir vor verschiedene Auswahlmöglichkeiten gestellt werden. Sie kombiniert blitzschnell unsere Emotionen mit Erfahrung und unserem gespeicherten, unbewusstem Wissen.

Rationale Entscheidungen dauern länger. Wir wägen ab, suchen nach Pros und Contras, beziehen unterschiedliche Aspekte mit ein. Im Zuge dessen passiert es auch häufig, dass wir uns in unserer ersten Tendenz verunsichern lassen und uns nicht dieser entsprechend verhalten: Weil es Argumente gibt, die uns stärker erscheinen als unser Bauchgefühl. 

Doch kann man sagen, welche der beiden Herangehensweisen die „bessere“ ist?

Nicht pauschal. Es gibt jedoch Studien dazu, bei welchen Problemlagen Menschen tendenziell objektiv betrachtet zu den „richtigen“ Entscheidungen kommen.

Joseph Mikels von der DePaul University untersuchte mit anderen Forscher*innen, mit welcher Methode Menschen wahrscheinlicher eine objektiv richtige Entscheidung treffen. In der Studie  wurden die Teilnehmer*innen zum Beispiel mehrere Autos zur Auswahl vorgestellt. Je nach Versuchsreihe erhielten sie komplexere oder einfachere Informationen hierzu. Die Teilnehmer*innen sollten nun das objektiv beste Auto zum Kauf wählen. Das gleiche Vorgehen wurde mit Wohnungen, Urlaubsorten, Behandlungsmethoden und Ärzten wiederholt. Aus den Ergebnissen lassen sich folgende Schlussfolgerungen ableiten: 

  1. Besonders bei komplexen Sachverhalten treffen wir die bessere Entscheidung aus dem Bauch heraus.

    Unser Gehirn ist in der Lage, etwa sieben Informationseinheiten aufzunehmen und abzuwägen. Sind es mehr, ist es überfordert und lässt keine rationale Entscheidung mehr zu. Daher sind wir in komplexen Situationen besser dadurch beraten, einer spontanen, intuitiven Eingebung zu folgen und darauf zu vertrauen, dass unser Unterbewusstes die beste Entscheidung treffen kann.

  2. Wir sind zufriedener mit unseren Entscheidungen, wenn wir sie intuitiv treffen.

    Wurden die Teilnehmer*innen angehalten, sich ausschließlich auf ihr Gefühl zu verlassen, waren sie wesentlich zufriedener mit dem Ergebnis – ganz unabhängig davon, ob sich diese Entscheidung im Nachhinein als die falsche herausstellte. Dieses Ergebnis ist für mich das relevanteste und spiegelt das wieder, was ich schon in meinem Blogartikel Die Qual der Wahl – Wie du dich mit deinen Entscheidungen wohlfühlst ansprach. In der Realität sind wir selten mit Laborbedingungen konfrontiert, in denen es eine eindeutig „gute“ und eine eindeutig „schlechte“ Entscheidung gibt. Letztendlich geht es in den meisten Fällen darum, die Entscheidung zu treffen, mit der man selbst am besten leben kann.

  3. Die Qualität unserer Entscheidungen nimmt deutlich ab, wenn wir gebeten werden, unsere intuitiv getroffene Wahl rational zu überdenken.

    Besonders spannend ist diese Erkenntnis sicher für diejenigen, die zum ausgiebigen Grübeln neigen. In der Studie entschied sich die Hälfte der Teilnehmer, die zuvor eine richtige Entscheidung getroffen hatten, nach dem Überdenken noch einmal um – und traf damit die falsche Wahl. 

Grenzen unserer Intuition – wann uns das Bauchgefühl einen Streich spielt

Es gibt also einige gute Argumente dafür, die eigene Intuition zu schulen und ihr zu vertrauen. Doch in manchen Situationen stellt sie uns auch eine Falle. Die Gründe hierfür liegen im Wesen der Intuition selbst. Erinnere dich: 

Intuition ist die Schnittmenge aus Emotion, Erfahrung und unbewusstem Wissen. 

In jedem dieser Bereiche liegt ein Risiko für Fehlentscheidungen.

Emotion als Grenze der Intuition.

Nicht nur unsere Gefühle im Bezug auf relevante Aspekte unserer Entscheidung spielen eine Rolle. Auch die aktuelle Stimmung ist für unsere Einschätzung relevant. Jeder von uns hat sicher schon einmal die Erfahrung gemacht, mit schlechter Laune, mit Ärger im Bauch oder unter Stress eine Entscheidung getroffen zu haben, die man mit ausgeglichenem Gemüt anders gefällt hätte. 

Erfahrung als Grenze der Intuition.

Was wir in der Vergangenheit erlebt und gefühlt haben, welchen Menschen wir begegnet sind und welche Einsichten wir aus diesen Beziehungen gewonnen haben, beeinflusst entscheidend unsere Intuition. Dazu sind wir alle geprägt durch unsere Erziehung, wir tragen Vorurteile mit uns herum und folgen Klischees. Triffst du beispielsweise jemanden, der dich in Aussehen oder Gestik an die cholerische Chefin erinnert, hast du vielleicht unmittelbar ein negatives Gefühl. Obwohl dein Gegenüber ein absolut sanftes Wesen besitzt und keiner Fliege etwas zu Leide tun kann. 

Wissen als Grenze der Intuition.

Unser Wissen funktioniert meist nur in einem gewissen Bezugsrahmen. Wenn wir diesen verlassen, klappt es auch mit der Intuition schlecht. Ein einfaches Beispiel hierzu: Willst du Zustimmung zeigen, nickst du hierzulande intuitiv. In Teilen Südosteuropas würdest du damit jedoch verneinen, in Indien jemanden zu dir holen wollen. Und schüttelst du hier den Kopf zur Ablehnung, signalisierst du anstatt dessen ein Ja, Verstehen und Respekt. Auch im beruflichen Kontext kann dein Know-How plötzlich schon dann irreführend sein, wenn du in eine andere Abteilung wechselst. Plötzlich sind die Arbeitsabläufe und Routinen neu oder Prioritäten werden anders gesetzt. In diesem Fall ist dein Wissen eher hinderlich, wenn du Aufgaben intuitiv erledigen willst. 

Diese Stolpersteine mindern für mich jedoch nicht die Wichtigkeit der Intuition bei der Entscheidungsfindung. Es ist wichtig sie zu kennen, um spontane Eingebungen richtig deuten zu können. Ich persönlich hinterfrage meine Intuition dann, wenn ich emotional besonders heftig auf jemanden oder etwas reagiere. Meist ist ein schnell aufkochendes Gefühl ein gutes Zeichen dafür, dass meine Resonanz mehr mit Emotion, Erfahrung oder Wissen aus der Vergangenheit zu tun hat, als mit der aktuellen Situation.

Intuition trainieren: 3 praktische Methoden

Jeder verfügt über die Fähigkeit, Menschen und Situationen intuitiv einzuschätzen. Sie ist nur mehr oder weniger stark ausgeprägt. Wir können sie verbessern und lernen, ihr zu vertrauen. 

„You will never follow your own inner voice until you clear up the doubts in your mind.“

Roy T. Benett

Generell eignet sich jede Methode zur Übung von Achtsamkeit auch zur Schulung der eigenen Intuition. Denn um unserem Gefühl und unser Intuition zu vertrauen, müssen wir sie zunächst wahrnehmen. 

Darüber hinaus gibt es aber auch spezielle Methoden zum Schulen der Intuition. Diese wendest du am besten in angst- und stressfreien Situationen an, in denen du dich entspannt und wohl fühlst. Du solltest daher vielleicht nicht unbedingt in einem hektischen Berufsalltag damit anfangen, dein Bauchgefühl zu befragen. Wenn du generell unter großen Anspannungszuständen leidest, sind Atem- oder Meditationsübungen eine gute Einleitung. 

Methode eins: Wetten, dass…? 

Du kannst dich deiner Intuition im Alltag spielerisch annähern. Frage dich, wer von deinen Freunden als erster auf einer Party auftauchen wird. Oder wer sie als letztes verlässt. Mache dir beim Warten auf den Bus Gedanken darüber, wer als letztes einsteigen wird. Oder wer von deinen Kollegen bei einem Meeting zuerst das Wort ergreift. 

Du wirst vermutlich feststellen, dass du bei deinen Einschätzungen oft richtig liegst. Diese Aufgabe trainiert zum einen, deine  Intuition wahrzunehmen, aber auch, ihr nach und nach zu vertrauen. 

Methode zwei: Intuitives Schreiben

Beim intuitiven Schreiben verfasst du handschriftlich Texte, die nur für dich selbst bestimmt sind. Versuche, dich von Perfektionsansprüchen zu lösen. Sowohl Rechtschreibung und Grammatik, als auch Ästhetik sind vollkommen irrelevant. Es geht darum, durch das Schreiben eine Verbindung zwischen dir und deiner inneren Stimme herzustellen. 

Stell dir zum Beispiel vor, du stehst vor einer beruflichen Entscheidung und fühlst dich hin- und hergerissen. Versuche, dich selbst durch Atemübungen oder Meditation in einen Zustand größtmöglicher Ruhe zu versetzen. Im Anschluss setzt du einen Timer, zum Beispiel nach 10 Minuten, und fängst an zu schreiben. Verzichte dabei bewusst auf rationale und logische Argumente, sondern bringe alles zu Papier, was dir durch den Kopf schießt. Vielleicht siehst du nach dieser Übung klarer. 

Methode drei: Inventur verbotener Gefühle

Eine Voraussetzung für Intuition ist das Wahrnehmen deiner Gefühle. Wir lernen immer besser, auch über unangenehme Gefühle wie Wut und Traurigkeit zu sprechen. Doch was ist mit Emotionen, die sozial weniger anerkannt sind? Was ist mit Neid oder Eifersucht? Was ist mit Scham, Einsamkeit oder Hochmut? In welchen Situationen fühlst du dich mit diesen Gefühlen konfrontiert? Gibt es Menschen, die eine dieser Emotionen bei dir auslösen? Und warum? Diese Übung lässt sich wunderbar mit dem intuitiven Schreiben kombinieren. 

Vermutlich wird dir deine Inventur zu Beginn sehr unangenehm sein. Sie konfrontiert dich mit deinen ungeliebten Seiten. Doch um ein runderes Bild von dir und deiner Innenwelt zu bekommen, gehören sie unweigerlich dazu. Je besser es dir gelingt, auch negative Emotionen als Teil deiner Gefühlswelt zu akzeptieren und zu integrieren, desto besser funktioniert deine Intuition.

Weibliche Intuition – ist da was dran? 

Zu guter Letzt noch zum gängigen Klischee der weiblichen Intuition: Sind wir Frauen wirklich besser darin, unsere innere Stimme zu hören? Klares Nein. 

Frauen sind keineswegs besser in der Lage, das Leben intuitiv besser zu erfassen als Männer. Studien zeigen, dass diese Fähigkeit nicht abhängig vom Geschlecht ist. Allerdings glauben Frauen tendenziell häufiger und stärker an ihre Gabe der Intuition. Und vertrauen in der Folge bei Entscheidungen vielleicht häufiger darauf? 

Wie gehst du mit dem Thema Intuition in deinem beruflichen Umfeld um? Hast du schon mal eine Entscheidung aus dem Bauch heraus getroffen, mit der du im Nachhinein sehr zufrieden warst? Oder eine, die sich im Nachhinein als falsch herausgestellt hat? Ich bin gespannt auf eure Erfahrung!