Letzte Woche ging es darum, wie man bei einer Vielzahl kreativer Ideen die richtige auswählt und den Fokus hält. Doch was, wenn man auf Knopfdruck kreativ sein muss und das Gehirn in den Streik getreten ist? Kreativität ist eben nichts, was wir erzwingen können.

Im letzten Jahr mussten viele von uns ihr Büro in die eigenen vier Wände verlegen. Nun sind wir damit konfrontiert, unsere Kreativität aus eigener Kraft aktivieren zu müssen. Plötzlich fehlt das Team, der Austausch, der kurze Szenenwechsel auf dem Weg zur Kaffeemaschine. Sowohl während der Arbeits-, als auch in der Freizeit bewegen wir uns fast ausschließlich in der unserer Wohnung. Wir sind  seltener im direkten Kontakt mit anderen, sind nicht verreist und daher vielleicht auch weniger erholt. Dem ein oder anderen wird es im letzten Jahr vielleicht schwerer gefallen sein, auf Kommando neue Einfälle zu produzieren.

Die Fähigkeit zur Kreativität stellt keine konstante Eigenschaft dar, sondern schwankt durch verschiedene Einflüsse. Die gute Nachricht: Was in die eine Richtung funktioniert, klappt auch in die andere. Wir haben die Möglichkeit, unsere Kreativität neu anzukurbeln.

Damit wir verstehen, weshalb einige Bedingungen sich beflügelnd auf die Kreativität auswirken und andere wiederum  hemmend, ist es sinnvoll, den Ursprung der Kreativität zu beleuchten. Was passiert in unserem Gehirn, wenn wir kreativ arbeiten? Und welche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus für für einen inspirierenden Lebensstil? Genau darum soll es in diesem ersten Teil zum Thema Kreativität auf Knopfdruck gehen.

Unser Gehirn als Netzwerkprofi

Das Salience-Netzwerk und seine Bedeutung für unsere Kreativität habt ihr bereits in meinem Artikel Nutze den Tag – Fünf Impulse wie du als kreativer Kopf einen klaren Fokus findest  kennengelernt. Doch auch noch zwei weitere Netzwerke spielen eine entscheidende Rolle, wenn es um die Entwicklung von Ideen geht: das Arbeitsgedächtnis und unser Ruhezustandsnetzwerk. Während das Salience-Netzwerk geistige Nahrung aus dem Außen hortet und die Aufmerksamkeit steuert, ist das Arbeitsgedächtnis für die Konzentration und Fokussierung auf einzelne Ideen zuständig. Ohne das Arbeitsgedächtnis könnten wir im wahrsten Sinne »keinen klaren Gedanken fassen«.

Doch was hat es mit dem Ruhezustandsnetzwerk auf sich? Der Begriff Ruhezustand ist irreführend, denn nichts ist unmöglicher, als unser Gehirn in den Ruhezustand zu versetzen. Das Gehirn kann nicht anders als Assoziationsketten zu bilden. Diesen Zustand kennt jeder von uns – sei es vom Meditieren oder vom Tagträumen. »Habe ich eigentlich Butter gekauft? Ich hätte Lust  zu backen. Der Erdbeerkuchen meiner Mutter ist am leckersten. Paul hat nächsten Monat Geburtstag. Hat Paul mir mein Buch zurückgegeben? Ich habe viel zu viele Bücher. Ich sollte wieder einmal aussortieren. Wo ist eigentlich mein Dachbodenschlüssel? Die Glühbirne auf dem Dachboden muss ausgewechselt werden. Wonach riecht es hier eigentlich?.«

Die Gedanken plappern pausenlos vor sich hin, ohne dass wir den Zustand in diesem Moment benennen könnten. Es ist jener Zustand, der immer dann eintritt, wenn wir keine bewusste Denkleistung erbringen.  Dass wir uns im Ruhezustand befunden haben merken wir erst, wenn dieser wieder beendet ist.

Das Tagträumen hat zu unrecht ein verdammt schlechtes Image. Denn das Gehirn nutzt den sogenannten Ruhezustand, um vorhandene Informationen zu speichern, zu sortieren, umzudeuten und neu zu kombinieren. Ideen formieren sich oftmals genau dann, wenn wir nicht versuchen, sie auf Krampf aus unseren Gehirnwindungen zu pressen.

Auch diese Situation kommt euch sicherlich bekannt vor. Ihr versucht den ganzen Tag am Schreibtisch angestrengt die Lösung für ein Problem zu finden, den Heureka-Moment habt ihr aber plötzlich unter der Dusche, im Halbschlaf oder beim Spazierengehen. Wieso das so ist, lässt sich wissenschaftlich belegen. Es gibt diverse Studien dazu, dass wir den regelmäßigen Ruhezustand brauchen, um unsere kreative Leistung zu verbessern.

Eine sehr bedeutsame ist zum Beispiel die des Forscherteams um Benjamin Baird. Hier ließ man Probanden in Form von Assoziationsketten unterschiedliche Verwendungszwecke für Alltagsgegenstände finden. Nach Abschluss der Übung durfte eine Gruppe Pause machen und Nichts tun, eine zweite wiederholte die Übung ohne Pause, eine dritte bekam einen anderen, anspruchsvollen und komplexen Auftrag gestellt und eine vierte erhielt eine sehr simple Reaktionsaufgabe, die zum Tagträumen einlud. Im Ergebnis veränderte sich die Kreativitätsleistung bei den ersten drei Gruppen kein bisschen, während die Tagträumer ihre Leistung um satte 41 Prozent steigerten.

Quintessenz: Kreativität ist ein wohldosierter Cocktail aus Anregung, Konzentration und dem Schweifen lassen unserer Gedanken.

Was bedeutet das für unsere Arbeitsabläufe? Lassen gute Ideen auf sich warten, füttere dein Gehirn zuerst mit unterschiedlichsten Informationen zum Thema. Beginne anschließend deine Aufgabe zu bearbeiten, ohne dabei den Anspruch eines qualitativ hochwertigen Ergebnisses zu haben. Es geht zunächst nur um die Konzentration auf das Projekt, um dein Gehirn auf Touren zu bringen. Verlasse anschließend den Platz und verrichte zum Beispiel Routinetätigkeiten, die deine Denkleistung nicht übermäßig beanspruchen. Keine Sorge: Dein Gehirn arbeitet ohnehin weiter und kombiniert aus den unterschiedlichen Informationen vielleicht etwas, dass dir mit Anstrengung nie in den Sinn gekommen wäre.

Die Rolle von Wissen und Erfahrung

Der Tipp viel zu lesen und möglichst viel unterschiedliches Wissen anzuhäufen, kommt nicht von Ungefähr. Denn nur wer zu einem Thema schon eine gewisse Vorerfahrung mitbringt, kann kreative Lösungen finden.

Zum Verdeutlichen dieser These eine kleine Übung. Schreibe innerhalb einer Minute so viele Wörter wie möglich zum Thema »Sommer« auf. Es gibt dabei kein richtig oder falsch, notiere einfach alles, was dir in den Sinn kommt.

Versuche nun das gleiche zu dem Bereich »Arithmetik«.

Ich bin mir sicher, dass du zum Thema Sommer relativ problemlos eine lange Liste erstellen konntest und auch nach einer Minute noch einige Einfälle hattest, während du zur Arithmetik – es sei denn, du bist MathematikerIn oder interessierst dich sehr dafür – deutlich angestrengter in deinem Gehirn graben musstest. Hast du außerdem beim Thema Sommer viele Wörter assoziativ aufgeschrieben, deren Zusammenhang mit dem Ursprungsthema sich nicht auf den ersten Blick erschließt? Das ist das keineswegs chaotischer Blödsinn, den dein Gehirn produziert. DAS ist Kreativität.

Bei einer solchen Übung scannt unser Gehirn alle vorhandenen Erfahrungen, kombiniert diese und präsentiert eine Lösung. Je mehr Wissen wir zu einem Thema abgespeichert haben, desto größer ist unsere Auswahl an Kombinationsmöglichkeiten und umso kreativer können wir letztendlich arbeiten.

Quintessenz: Je mehr Wissen wir uns zu einem Thema aneignen, desto kreativer können wir damit jonglieren.

Wie kann ich diese Erkenntnis nutzen, um kreativer zu werden? Überlege vor der Bearbeitung eines Projektes, durch welche Kanäle du Wissen zum Thema sammeln kannst. Natürlich kannst und solltest du dich ganz klassisch einlesen. Doch versuche dir auch Gedanken zu machen, wie du das Thema sonst für dich erschließen kannst. Unterhalte dich mit Experten. Erfrage unterschiedliche Meinungen von Kollegen oder Freunden. Gibt es eine Möglichkeit, das Thema praktisch zu erfahren? Wenn du zum Beispiel einen Artikel über eine bestimmte Sportart schreiben musst ist es sinnvoll, sich nicht nur auf geschriebene Information zu verlassen, sondern den Sport selbst zu testen oder aktiven Sportlern dabei zuzusehen. Gibt es Filme oder Videos zum Thema? Podcasts? Kunstwerke? Sauge Informationen auf wie ein Schwamm und beobachte, was dein Gehirn daraus macht.

Hormongesteuert: wie Dopamin und Serotonin unsere Schaffenskraft beeinflussen

Wir haben nun schon eine Menge über neuronale Netzwerke erfahren. Diese Netzwerke sind über Synapsen miteinander verknüpft. Damit der Austausch aber stattfinden kann, sind elektrische Impulse und chemische Prozesse notwendig. Diese chemischen Prozesse werden durch Botenstoffe, die sogenannten Neurotransmitter in Gang gesetzt. Von Dopamin und Serotonin habt ihr sicherlich schon als unsere Glückshormone gehört. Sie sind zwei der etwa 100 bekannten Neurotransmitter, die in unserem Gehirn aktiv sind. Doch welchen Einfluss haben die beiden auf unsere Kreativität?

Dopamin steuert unseren  Tatendrang, unsere Wahrnehmungsfähigkeit und unser Belohnungssystem. Ist es in zu geringer Konzentration vorhanden, nimmt unser Interesse und unsere Aufmerksamkeit ab, wir werden antriebslos und haben weniger Phantasie. Die Folge eines Mangels können Erkrankungen wie Depression oder Angststörungen sein.

Besonders bezeichnend für den Zusammenhang von Dopamin und Kreativität sind Studien aus der Parkinsonforschung. Parkinson verursacht unter anderem den Verlust von Nervenzellen im Gehirn, sodass die Dopaminkonzentration mit fortschreitendem Krankheitsverlauf gravierend reduziert ist. Werden Patienten mit dopamin-imitierenden Medikamenten behandelt, entdecken manche aus dem Nichts kreative Fähigkeiten. Menschen, die nie zuvor einen Pinsel in der Hand hatten, beginnen zu malen oder fangen an, Gedichte zu schreiben.

Ein Zuviel an Dopamin hingegen ist auch nicht zwingend zuträglich. Im schlimmsten Fall verursacht es Psychosen und Manien. In diesen sprudelt man zwar über vor Tatendrang und Schaffenskraft, die Ergebnisse werden aber nicht zwingend besser. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass sich die Neurotransmitter gegenseitig beeinflussen und wir nicht zwangsläufig freudvoller und aktiver werden, wenn das Dopamin fehlt – oftmals fehlt dann nämlich sein Gegenspieler, das Serotonin.

Serotonin sorgt für psychische Stabilität, Ausgeglichenheit und Zufriedenheit. Bei Dunkelheit verwandelt es sich in Melonin, das einen gesunden Schlaf ermöglicht. Ein ausbalancierter Serotoninspiegel ist die Grundvoraussetzung für die Fähigkeit zum Glücklichsein. Prof. Ruut Veenhofen, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Glücksforschung, hat die Zusammenhänge unserer Lebensumstände mit unserem individuellen Glücksempfinden aus allen erdenklichen Blickwinkeln beleuchtet und seine Studien in der World Database of Happiness gesammelt. In ihr finden sich unzählige Thesen, weshalb Glück für unsere Aktivität und damit auch für unsere Kreativität verantwortlich ist. Eine davon: wer sich viel bewegt beeinflusst seine körperliche Leistungsfähigkeit und hat es dadurch leichter, soziale Kontakte zu pflegen, was sich ebenfalls auf unser persönliches Glück auswirkt. Dass Bewegung an sich schon den Serotoninspiegel steigert, ist wiederum aus der Neurowissenschaft bekannt. Und wer glücklich ist, traut sich selbst mehr zu und hat weniger Angst vor dem Scheitern – beides unabdingbare Eigenschaften für die Kreativität.

Quintessenz: Ausgeglichenheit, Zufriedenheit und Aktivität ist der Boden, auf dem Kreativität gedeihen kann.

Fragt ihr euch nun zurecht, wie so viele Künstler, die nachweislich an psychischen Störungen litten, große Werke schaffen konnten? Auch das hat schon viele Wissenschaftler beschäftigt. Dabei hat man herausgefunden, dass Menschen, die an einer unipolaren, chronischen Depression leiden, also »nur« depressiv sind, seltener in kreativen Berufen zu finden sind. Menschen hingegen, die zum Beispiel an rezidivierenden Depressionen erkrankt sind, also phasenweise wiederkehrenden, manisch-depressiv sind oder schizophren, sind auffällig häufig bildende Künstler.

Eine mögliche Erklärung hierfür liegt wieder in einem Ungleichgewicht der Neurotransmitter, also zum Beispiel an einem Überschuss an Dopamin. Damit bewegen wir uns definitiv nicht mehr im Feld des Coachings, jedoch sind die dahinterliegenden Erklärungen sehr interessant, wenn wir uns grundsätzlich mental stärken und unsere Kreativität leben wollen. Vor allem, weil wir unseren Hormonaushalt durch eine einzige Sache sehr gut beeinflussen können.

Habe ich die Möglichkeit, meinen Dopamin- und Serotoninhaushalt auf natürlichem Wege zu beeinflussen? Ja! Erstes Mittel der Wahl ist sportliche Betätigung. Schon 30 Minuten Joggen pro Woche haben eine ähnliche Wirkung auf die Botenstoffe wie die Einnahme eines Antidepressiums. Meditation, Sonnenlicht und ausreichend Schlaf wirken ebenfalls regulierend.

Auch eine ausgewogene, proteinreiche Ernährung und bestimmte Früchte sollen einen Einfluss auf den Dopamin- und Serotoninspiegel haben. Es wäre aber voreilig, sich ein Beispiel an Steve Jobs zu nehmen, der seine Kreativität auch seinen extremen Diäten zuschrieb. Der Einfluss der Ernährung auf unseren Neurotransmitterhaushalt ist wesentlich komplexer, als dass man vom Verzehr einer Banane, Avocado, Walnüssen, Mandeln, Hafer oder dunkler Schokolade direkt auf eine Erhöhung des Serotonin- oder Dopaminsspiegels schließen könnte.  Auf der anderen Seite: ein Stück Schokolade wirkt unter Umständen auf unser Belohnungssystem, was wiederum zu einer Ausschüttung von Dopamin führt. Und eine gesunde Ernährung hat schließlich noch niemandem geschadet.

Adrenalin: die körpereigene Blockade für Kreativität

Ganz anders wiederum verhält es sich mit dem Hormon Adrenalin. Es wird in Stresssituationen ausgeschüttet und kennt nur zwei Befehle: Kämpfen oder Fliehen. Es engt unsere Wahrnehmung ein, schickt das Blut in unsere Muskeln und verändert dessen Gerinnungsfähigkeit. Damit ist es zwar sehr hilfreich, um besonders schnell die Beine in die Hand zu nehmen oder ungeahnte Kräfte zu entwickeln, aber zum kreativ sein eignet sich dieser Zustand nicht. Nicht nur im Überlebensmodus haben wir eine Menge Adrenalin im Körper. Ofmals reicht auch schon eine bedrohliche Deadline, die Angst vor dem Chef oder die Erwartung einer besonders negativen Konsequenz.

Quintessenz: Stress, zu viel Druck und Zeitmangel ist Gift für die Kreativität.

Was sind die Stressoren deines Arbeitsalltags? Was bereitet dir am meisten Sorge, was nervt dich, was versetzt dich nahezu in Panik? Denke dabei auch an scheinbare Kleinigkeiten – die tickende Uhr, die dich eigentlich schon seit Wochen wahnsinnig macht und an die du dich irgendwann gewöhnt hast, eine Spiegelung auf dem Bildschirm, die sich durch ein einfaches Umstellen des Schreibtisches vermeiden ließe, die Mittagspause, die du eigentlich eine Stunde später machst, als dir das dein persönlicher Rhythmus vorgäbe, generell zeitlich zu eng gestrickte Vorgaben. Analysiere deine Störfaktoren und frage dich, ob und wie du diese beeinflussen kannst. In den seltensten Fällen sind wir handlungsunfähige Opfer unserer Umstände. Übernimm Verantwortung dafür, dass du so entspannt wie möglich arbeiten kannst.

Wir fassen also zusammen – welche Bedingungen brauchen wir, um eine Basis für kreative Arbeit zu schaffen?

  1. Eine Balance zwischen Inspiration, Konzentration und Ruhe, 
  2. Geistige Anregung, Vorerfahrung und Wissen, 
  3. Psychisches Wohlbefinden, Aktivität und
  4. eine möglichst angst- und stressfreie Arbeitsatmosphäre und ausreichend Zeit.

Auf dieser Grundlage möchte ich euch nächste Woche einige praktische Übungen vorstellen, bei denen ihr ganz aktiv eure Kreativität beeinflussen und steigern könnt.

Habt ihr häufiger mit Denkblockaden zu kämpfen? Du wünschst dir ein paar Anregungen, wie du deine Kreativität neu entfachen kannst? Dann kontaktiere mich gerne für ein kostenfreies Erstgespräch.