Was ist Minimalismus? 

Minimalismus stellt eine Art Gegenkonzept zum Überfluss unserer Konsumgesellschaft dar. Schon in meinem Artikel Qual der Wahl habe ich darüber geschrieben, dass uns ein hohes Maß an Entscheidungsfreiheit meist nicht glücklich macht – tendenziell ist eher das Gegenteil der Fall. Wir werden zögerlich und neigen dazu, lieber gar keine Entscheidungen zu treffen als eine falsche. 

Jeder Mensch sucht nach Halt. Dabei liegt der einzige Halt im Loslassen.“

Hape Kerkeling, Komiker und Autor

Minimalisten empfinden die Reduktion von Besitztümern und Anforderungen nicht als Verzicht. Vielmehr gehen sie davon aus, dass sie dadurch an Freiheit und Zufriedenheit gewinnen. Es geht weniger um Einschränkung, als um den Wunsch, sich den wirklich wichtigen Dingen mehr Raum zu geben.

Wie genau eine minimalistische Lebensweise aussieht, ist eine sehr individuelle Entscheidung. Nicht jeder muss seinen kompletten Hausstand veräußern, um ein vereinfachtes Leben zu führen. Für den einen fängt Minimalismus bereits damit an, Dekorationsgegenstände in der Wohnung auszusortieren und nur das zu behalten, wofür man eine echte Verwendung hat oder was großen ideellen Wert besitzt. Für einen anderen ist der Wunsch nach Einfachheit radikalerer Natur, wie zum Beispiel die Reduktion auf eine bestimmte Anzahl an Besitztümern oder betrifft auch Lebensbereiche außerhalb der eigenen vier Wände, wie zum Beispiel das  Loslassen belastender Beziehungen, der Ausstieg aus sozialen Medien, das Simplifizieren des Arbeitsalltages.

Auch im Hinblick auf heutiger Umweltentwicklungen und den Klimawandel macht ein minimalistisches Lebenskonzept Sinn. Denn minimalistisch zu leben bedeutet auch, nachhaltiger zu leben und auf Qualität statt Quantität zu setzen. 

Welchen Gewinn habe ich von einem minimalistischen Lebensstil? 

Wir kaufen nicht, was wir haben wollen. Wir konsumieren, was wir sein möchten.“

John Hegarty, Werbefachmann

Minimalismus führt einen dazu, sich mit den eigenen Prioritäten auseinander zu setzen. Viele Entscheidungen trifft man nicht aus dem eigenen Maßstab heraus, sondern weil man davon ausgeht, dass sie einem gesellschaftliche Anerkennung und Status versprechen. Oft stellen unsere Besitztümer mehr das dar, was wir für andere ausdrücken wollen als das, was wir tatsächlich möchten und brauchen. 

Minimalismus und Reduktion führt dich letztendlich wieder näher an dich selbst heran und sorgt dafür, dass du dich mit deinen Bedürfnissen auseinander setzt.

Mehr Sicherheit in Entscheidungen

Im Laufe der Zeit kristallisiert sich heraus, welche Konsumgüter für einen wirklich wichtig sind. Und welche nicht. Du lässt dich damit nicht mehr von vollen Supermarktregalen irritieren und greifst zielsicher nach dem, was du willst und brauchst.

Mehr Zeit

Zum einen verbringst du weniger Zeit mit aufwendigen Entscheidungsprozessen. Zum anderen kann Minimalismus auch bedeuten, den eigenen Terminkalender auszudünnen und sich auf die Dinge zu fokussieren, die einem am Herzen liegen. Das zieht unter Umständen mit sich, dass du keine Verabredungen mehr triffst, auf die du ohnehin wenig Lust hast. Dass du dich entscheidest, das langwierige und wenig ergebnisreiche Essen nach Feierabend mit Geschäftspartnern ausfallen zu lassen, weil du lieber Zeit mit deiner Familie verbringen möchtest. Dass du eine Geschäftsreise auf den absolut nötigen Zeitraum verkürzt, um mehr Tage zu Hause verbringen zu können.

Minimalismus beschränkt sich nicht auf Konsum- und Kaufentscheidungen – Minimalismus ist vor allem eine Lebenseinstellung.

Mehr Ordnung und Struktur

Wie viel Zeit verbringen wir jede Woche damit, unsere Schlüssel, unseren Kalender, das Portemonnaie, das Handy zu suchen. Wie oft kramen wir in der Schublade nach einem Kugelschreiber und stellen fest, dass erst der dritte davon funktioniert. Wie lange wühlen wir in unserem Kleiderschrank bis wir genau das Teil in den Händen halten, dass wir uns in den Kopf gesetzt haben. 

Wenn wir weniger Dinge besitzen, etabliert sich fast automatisch eine Struktur. Alles findet seinen Platz. Du wirst weniger Zeit mit Aufräumen und Suchen verbringen. Und, wie man so schön sagt, die äußere Struktur führt letztlich auch zu einer inneren Struktur und Aufgeräumtheit.

Mehr finanzielle Freiheit

Auch, wenn deine Form von Minimalismus vielleicht zu der Entscheidung führt, deine Arbeitsstunden zu reduzieren, wird sich gleichzeitig dein Kaufverhalten verändern. Wer nur noch die Dinge kauft, die er wirklich benötigt, braucht erstaunlich wenig finanzielle Mittel. Mit der Zeit ergibt sich damit sogar ein Mehr an finanzieller Freiheit. 

Minimalismus konkret: Wie lässt sich ein minimalistisches Lebenskonzept auf die Arbeitswelt übertragen 

Das Leben ist zu kurz für Nebensächlichkeiten.“

Dale Carnegie, Kommunikations- und Motivationstrainer

Auch im Arbeitsalltag lässt sich das minimalistische Lebenskonzept integrieren. Du musst nicht sofort deine komplette berufliche Lebenswelt umgestalten. Für den Beginn reicht es vielleicht aus, den Schreibtisch so reduziert zu strukturieren, dass du dich besser fokussieren kannst. Für einen anderen ist das vielleicht noch nicht genug. 

Ich möchte dir im Folgenden vier Anregungen für ein Stück Minimalismus im Arbeitsalltag geben.

# 1 Von der äußeren zur inneren Struktur – Anregungen für eine minimalistische Arbeitsplatzgestaltung

Bei einem minimalistischen Arbeitsplatz haben die meisten von euch vermutlich sofort das Bild eines sehr reduzierten Schreibtisches im Kopf. Damit geht es los, ich möchte jedoch auch noch einige weitere Ideen ins Rennen werfen. 

Der minimalistische Schreibtisch beginnt mit einer überlegten Aufräumaktion. Nimm jeden Gegenstand auf und im Schreibtisch dafür in die Hand und mache dir darüber Gedanken, wann du diesen zuletzt benutzt hast und ob du ihn tatsächlich benötigst. Wenn nicht – wirf ihn nicht weg, sondern verschenke ihn im Sinne der Nachhaltigkeit weiter. Vielleicht hat ein Kollege dafür Verwendung oder du gibst sie an eine karitative Organisation weiter.

Du benötigst sehr viele Materialien für deine Arbeit? Ordne sie zum Beispiel auf einem Tablett, sodass du sie bei Bedarf rasch zur Seite stellen kannst. Achte auch bei der Auswahl deiner Schreibutensilien auf Qualität anstatt auf Quantität, wie zum Beispiel einige wenige hochwertige, nachfüllbare oder wiederverwendbare Produkte anstatt einer Vielzahl an günstigen Einwegstiften. Auf einem sortierten Schreibtisch benötigst du vermutlich nicht mehr als fünf oder sechs Gegenstände – alles andere befindet sich sortiert in Schubladen. Jedes Teil hat seinen festen Platz. So verbringst du weniger Zeit mit Suchen und kannst dich ganz auf deine Aufgaben konzentrieren.

Deine Papiere sollten ebenfalls sortiert sein – entweder in beschrifteten Ablagen oder Ordnern. Wenn möglich, digitalisiere deine Unterlagen und versuche dich an einer papierlosen Verwaltung. Das spart Platz und Ressourcen. 

Du bestellst häufig Materialien für dein Büro? Hast du Einkaufsmöglichkeiten in unmittelbarer Nähe, versuche diese selbst zu besorgen. Ist das Bestellen für dich praktikabler, gibt es mittlerweile tolle Möglichkeiten zum Ökoversand. Der Bürobedarf wird dabei in äußerst stabilen, wiederverwendbaren Verpackungen geliefert, die du bei der nächsten Bestellung einfach wieder zurückgibst. Das spart zum einen eine Menge Ressourcen für Verpackungsmaterialien, du hast nicht unzählige leere Kartons und Müll, der ebenfalls Platz benötigt und die Produkte sind durch die feste Verpackung deutlich besser geschützt und kommen 100 prozentig sicher an. 

Es gibt viele Überschneidungen zwischen Minimalismus und nachhaltigem, umweltbewussten Handeln – ein positiver Nebeneffekt! 

# 2 Minimalistische Termingestaltung 

Eine reduzierte Termingestaltung kann auf zwei Ebenen passieren. 

In einem ersten Schritt kannst du versuchen, die Anzahl deiner Termine zu reduzieren. Manche Treffen machen wir nur aus Routinen heraus, ohne dass uns deren Sinn und Zweck wirklich bewusst ist. Oder es haben sich mit der Zeit komplizierte und wenig effektive Abläufe etabliert, die du nicht mehr hinterfragst hast. Sehe dir daher deinen Terminkalender an: Welche Treffen sind wirklich notwendig? Welche sind dir wichtig? Welche lassen vielleicht zusammenfassen oder können in einem anderen Rhythmus stattfinden? 

Im zweiten Schritt kannst du dir Gedanken darüber machen, wie du deine Termine konkret gestaltest. Gibt es ein strukturiertes Vorgehen? Manchmal kann eine standardisierte Herangehensweise beruflicher Termine dabei helfen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Überlege dir, welches Ziel du mit welchem Termin verfolgst und wie dieses zu erreichen ist. Gestalte einen Ablauf, an den du dich bei deinen Terminen hältst.

Um Missverständnissen vorzubeugen – das heißt nicht, dass fachliche Diskussionsrunden, Austausch oder private Gespräche mit Kollegen wegfallen müssen! Auch diese machen Sinn und sind für das Wohlfühlklima ungeheuer wichtig. Unter Umständen entsteht sogar mehr Raum für Austausch, wenn Meetings gestrafft und auf das wesentliche gekürzt werden. Durch eine strukturierte Vorgehensweise haben wir die Möglichkeit, uns zur richtigen Zeit auf die richtigen Dinge zu konzentrieren: Tagesordnungspunkte werden effektiv abgehakt. Wir verlieren uns währenddessen nicht in Diskussionen. Damit können wir uns im Anschluss auf einen anregenden Austausch einlassen.

# 3 Reduzierte To-Do-Listen

Listen zum Abhaken erleichtern enorm. Stehen unsere Aufgaben erst einmal auf einem Blatt Papier, haben wir sie nicht mehr ständig im Hinterkopf. Doch vielleicht kennen einige von euch auch das Phänomen, dass die To-Do-Liste irgendwann ins Unendliche wächst. 

Wir notieren jeden Gedanken und haben keine Übersicht mehr darüber, was für das Jetzt und Heute Priorität hat. Wir verlieren uns in Details und arbeiten uns an Kleinigkeiten ab. Und stellen am Ende des Tages – oder besser noch, auf dem Nachhauseweg –  erschrocken fest, dass wir etwas Dringendes vergessen haben. 

Hab daher den Mut, auch einmal Aufgaben zu streichen. Fokussiere dich auf die dringenden Dinge. Unter Umständen macht es Sinn, dich von der klassischen To-Do-Liste zu lösen und zu einer Eisenhower-Matrix zu wechseln. Damit wirst du schnell erkennen, welche Aufgaben getrost in den Papierkorb wandern können.

# 4 Digitaler Minimalismus

Als eine Art digitaler Schreibtisch kannst du dein Smartphone und deinen Laptop ebenso ausmisten, wie du es mit deinem realen Büro getan hast. Trenne dich von alten Dateien, die du nicht mehr benötigst, installiere nur die Anwendungen, die du brauchst und finde eine Ordnung, in der du dich gut zurecht findest. 

In kaum einer Berufssparte kommen wir ohne digitale Medien aus. Für unseren Arbeitsalltag können sie Segen und Fluch gleichermaßen sein. Sie liefern uns fast grenzenlosen Zugang zu Information und erleichtern schnelle Absprachen. Doch die schnelle Absprache zwischendurch ist häufig genau das Problem. Wir sind telefonisch immer verfügbar, sind in zehn verschiedenen Messenger-Gruppen, neue Emails werden auf dem Bildschirm des Laptops direkt beim Eintreffen angezeigt, parallel sind zwanzig Fenster im Internetbrowser geöffnet. 

Es ist vermutlich unrealistisch, sich daraus komplett verabschieden zu wollen. Unsere heutige Arbeitswelt ist digital. Doch du kannst versuchen, das Chaos zu strukturieren. Beantworte Emails nicht während des laufenden Tages, sondern stets zu einer bestimmten Uhrzeit. Spreche mit Kollegen ab, dass du auf digitalen Gruppendiskussionen zum Beispiel nur am späten Nachmittag antwortest. Schalte die Benachrichtigungen hierzu für den Rest des Tages aus. Bitte darum, dass dort nichts Dringendes besprochen wird, sondern dies in persönlichen Meetings oder durch einen Anruf geklärt wird. Schalte in persönlichen Gesprächen dein Handy stumm. 

Übe dich im Monotasking – konzentriere dich immer auf das, was du gerade tust. 

Der beste Weg, um herauszufinden, was wir wirklich brauchen, ist, das loszuwerden, was wir nicht brauchen.“ 

Marie Kondō, Beraterin und Autorin

Allein die Beschäftigung mit Minimalismus hat mich beim Schreiben dieses Artikels sehr ruhig gemacht. Die Reduktion unnötiger Dinge bedeutet nicht zwingend Verzicht. Im Gegenteil. Es bedeutet ein Mehr: An Raum, an Struktur, an Zeit für das, was mir am Herzen liegt.

Welche Ideen hast du für einen minimalistischen Arbeitstag? Hast du schon Dinge in deinen Alltag integriert? Was davon ist dir leicht gefallen, was eher schwer? Ich freue mich auf deine Erfahrungen und unseren Austausch!