Wie du dank Resonanz inspirierende Netzwerke bildest

Es kann eine Unterhaltung sein, bei der alles zu stimmen scheint. Ihr fühlt euch sofort von eurem Gegenüber angesprochen, die Konversation ist im Fluss, eure Ideen beflügeln sich gegenseitig. Etwas Neues entsteht, mit dem ihr überhaupt nicht gerechnet hattet. 

Oder ihr beginnt mit einer neuen Sportart und denkt: DAS ist genau mein Ding. Es kann ein Buch sein, das euch ganz besonders berührt und etwas in euch verändert. Oder ein Ort, mit dem ihr euch auf besondere Weise verbunden fühlt. 

Ihr befindet euch in Resonanz.

Häufig betrachten wir uns als isoliert in einer riesigen Welt und versuchen, diese mit unseren begrenzten Mitteln zu kontrollieren. Das Resonanzprinzip beschreibt jedoch eher das Gegenteil. Es plädiert ein Loslassen von Absichten, um in echte Beziehungen zu den Menschen und Dingen zu gelangen. Erst diese lebendigen Verbindungen machen unser Leben reich und wertvoll. Sie führen uns vom bloßen Funktionieren hin zur Muße. Dorthin, wo Spaß und Erfüllung liegt. 

Was ist Resonanz? 

In der Physik spricht man von Resonanz, wenn zwei Körper durch Energiezufuhr von Außen in Schwingung geraten. 

Der Soziologe Hartmut Rosa, einer der bedeutendsten Vertreter der Resonanztheorie, hat dieses Phänomen auf unsere Beziehungen zur Welt übertragen. Er beschäftigt sich viel damit, was ein „gutes Leben“ darstellt. In seinem Werk „Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung.“ schreibt er davon, dass dieses nicht von Ressourcenoptimierung und Entschleunigung allein abhinge, sondern von einer Verbesserung des „Weltverhältnisses“. Das klingt, zugegebenermaßen, etwas sperrig. Was damit gemeint ist, lässt sich jedoch auch in einfacheren Worten beschreiben. Nach Rosa besteht ein Resonanzverhältnis dann, wenn wir uns von etwas oder jemandem angesprochen und berührt fühlen, darauf antworten können und ins Handeln kommen. Wir stellen also eine Verbindung her, kommen buchstäblich in Schwingung. 

Das Fehlen von Resonanz kennen wir unter dem Begriff der Entfremdung: die Welt, in der wir uns befinden, bleibt stumm und wir beziehungslos. 

Wie entstehen resonante Beziehungen?

Resonante Beziehungen zu führen bedeutet,  „sich von etwas an sich Wertvollem angesprochen fühlen, das einen angeht, worauf man eigens antwortet und was zu einem entsprechenden Handeln bewegt.“

Doch wie entstehen resonante Beziehungen und wodurch sind sie charakterisiert? 

Worte verbinden nur, wo unsere Wellenlängen längst übereinstimmen. 

Max Frisch

I. Resonanz beginnt mit Berührung

Resonanz kann immer dort entstehen, wo wir uns von etwas erreicht und angesprochen fühlen. Dies kann sowohl in zwischenmenschlichen Beziehungen, als auch mit der Welt an sich passieren: Mit Literatur, Musik, Religion, Natur, Sport, Information, Politik etc.

Es gibt drei Ebenen, auf denen wir Resonanz erleben können

In der Beziehung zu unseren Mitmenschen, 

in der Beziehung zu Dingen und Aktivitäten 

und in der Beziehung zur Welt an sich, wozu auch Spiritualität und Religion gezählt wird.

II. In Resonanz bin ich selbstwirksam

In resonanten Beziehungen haben wir nicht nur das Gefühl berührt zu werden, sondern haben gleichermaßen die Chance zu reagieren und zu antworten. Dies muss nicht zwingend in Form einer realen Diskussion passieren. 

Gerade habe ich erwähnt, dass resonante Beziehungen zum Beispiel auch zu Sport oder Natur möglich sind. Nehmen wir an, du möchtest Wellenreiten lernen und machst einen entsprechenden Kurs. Du bist sofort Feuer und Flamme. Deine Art der Antwort ist nun keine verbale. Du übst, probierst verschiedene Dinge aus. Du reagierst auf die Wellen, Strömungen und Wind und trainierst, dein Verhalten den naturgegebenen Bedingungen anzupassen. Du hast also die Möglichkeit zu antworten und selbstwirksam zu handeln. Die resonante Beziehung festigt sich dadurch und entwickelt eine Art Schwingung, die sich immer wieder selbst verstärkt.

Ein gutes Gegenbeispiel ist zum Beispiel die Politik. Viele Menschen haben nicht mehr das Gefühl, das „große Ganze“ durch ihr politisches Handeln oder Wahlen beeinflussen zu können und entziehen sich deswegen. Sie haben ihre resonante Beziehung zu politischen Geschehnissen verloren.

III. Resonanz bedeutet Veränderung

Mit Resonanz geht stets Transformation einher. Resonante Beziehungen haben einen nachhaltigen Effekt und lösen eine Veränderung aus. Das kann zum Beispiel eine neue Geschäftsidee sein, die während eines Gesprächs entsteht und die du im Anschluss verfolgen willst. Es kann eine Meinung sein, die dich dein eigenes Denken hinterfragen lässt. Vielleicht entdeckst du in einem resonanten Moment eine neue Leidenschaft, ein Hobby oder ein Ideal, für das du dich fortan einsetzt. 

Mag er auch noch so klein sein: ein wichtiges Merkmal resonanter Beziehung ist der Wandel. Wir sind nach ihr nicht mehr die Gleichen und entwickeln uns weiter.

IV. Resonanz ist unerzwingbar

Es wäre natürlich wunderbar, wenn wir durch einfache Tricks und Kniffe ständig resonante Beziehungen zu unseren Mitmenschen und unserer Umwelt herstellen könnten. So einfach ist es leider nicht. Resonanz entsteht genau in den Momenten, in denen wir  absichtslos präsent sind. Wir verfolgen kein weiteres Ziel, als offen und neugierig auf das, was uns begegnet, zuzugehen. Wir agieren und reagieren authentisch, wir sind nicht angespannt aber haben genug Energie. Wir haben Interesse an einer Begegnung. 

Schon diese Bedingungen finden wir selten genug in uns. Doch nun muss auch dein Gegenüber für eine solche Begegnung offen sein und ebenfalls einen Zustand von Offenheit, Entspannung und Energie mitbringen. 

Was die Beziehung letztendlich in Schwingung geraten lässt, ist ein unbeeinflussbares Moment. Eine Energie oder ein Impuls. Das kann ein Gedanke sein, den du schon lange mit dir herum trägst und dein Gegenüber plötzlich ausspricht. Ein Satz, der die lang gesuchte Lösung eines Problems zu sein scheint. Eine Meinung, die dich dein Weltbild überdenken lässt. 

Dieser zündende Funke, fast ein Zauber, lässt sich nicht erzwingen. Wir können ihm nur eine gute Basis bieten, indem wir mit der größtmöglichen Offenheit und Wachheit in unsere Beziehungen treten.

5 Gedanken für lebendige Netzwerke dank Resonanz

Vielleicht geht es euch beim Lesen dieses Artikels ähnlich wie mir, als ich begonnen habe, mich mit dem Prinzip der Resonanz auseinander zu setzen. Dynamische Beziehung zu führen erscheint wohl für alle von uns erstrebenswert. Und es leuchtet uns ein, dass diese nicht erzwingbar sind. 

Doch es muss doch Möglichkeiten geben, wie wir diesen zumindest Türen öffnen? Auch für unsere Arbeitswelt finde ich den Gedanken der Resonanz sehr spannend. Wie finden wir zu mehr Lebendigkeit und Echtheit in unseren beruflichen Beziehungen? Wie sieht der fruchtbare Boden aus, auf dem inspirierende Netzwerke mit Tiefgang gedeihen?

  1. Offenheit, Präsenz und Authentizität: Eine vielversprechende Kombination

Offenheit ist ein Schlüssel, der viele Türen öffnen kann. 

Ernst Ferstl

Offenheit, Präsenz und Authentizität funktionieren nicht auf Knopfdruck. Viel eher stellen sie eine innere Haltung dar. Sie setzen voraus, sich mit der eigenen Persönlichkeit, seinen Einstellungen und Zielen auseinanderzusetzen und sich ihnen entsprechend zu verhalten. 

Je länger und intensiver wir das tun, um so mehr wird Authentizität und damit auch Präsenz zur Selbstverständlichkeit, über die wir immer weniger nachdenken müssen. Und je weniger wir auf unsere Außenwirkung konzentriert sind, desto besser können wir uns auf die Menschen um uns herum einlassen. 

  1. Das richtige Maß an Energie: Wer netzwerken will, braucht einen aufgeladenen Akku

Um sich auf sein Gegenüber einzulassen zu können, müssen wir energetisch dazu in der Lage sein. Wir alle kennen die Konzentrationsstörungen, die mit Müdigkeit, Schlafmangel, körperlicher Unausgeglichenheit oder Hunger einhergehen. Doch auch übermäßige Anspannung und Stress beeinträchtigt unsere Aufmerksamkeit und halten uns davon ab, uns gleichermaßen mit uns selbst und unserem Gesprächspartner zu befassen. Besondere Momente ziehen so einfach an uns vorbei, ohne dass wir sie wahrnehmen können.

Für gelungenes Netzwerken gilt also das, was uns ohnehin gut tut: ausreichend Schlaf, ein angemessenes Arbeitspensum, Bewegung und gute Ernährung.

  1. Habe Mut, etwas zu verpassen

Netzwerkevents und Veranstaltungen, die dazu dienen, neue Kontakte zu knüpfen sind oftmals darauf ausgelegt, unsere Aufmerksamkeit möglichst breit zu streuen. Wir bemühen uns, mit möglichst vielen Menschen zumindest ein kurzes Wort zu wechseln, jedem ein Lächeln zu schenken und damit in möglichst vielen Köpfen einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. 

„Wir haben uns angewöhnt, die Welt nach immer interessanteren Optionen zu scannen. Dahinter steckt die Angst, irgendwo etwas zu verpassen. Dann kann ich aber nicht in eine Resonanzbeziehung treten. Die setzt nämlich voraus, dass man Aufmerksamkeit fokussiert und alles andere loslässt.“ 

Es geht mir gar nicht darum, das breite Streuen von Aufmerksamkeit komplett zu verteufeln – manchmal ist es notwendig, um überhaupt einen gewissen Bekanntheitsgrad zu erlangen.

Aber was würde passieren, wenn wir uns davon lösen? Wenn wir darauf vertrauen, dass wir durch wenige, tiefe Beziehungen zu Menschen, die mit uns und unseren Ideen im Einklang sind, ebenso zum Erfolg kommen können? Weil diese Menschen uns mit gutem Gewissen weiterempfehlen und wir so zu einem echten Netzwerk mit Tiefe gelangen? 

Mache dir klar, was du willst und brauchst. Willst du die breite Masse? Oder willst du ein kleines, feines Netzwerk aus Menschen, die wirklich zu dir passen? 

  1. Persönlich statt einsam hinterm Laptop

Im Internet finden Sie nur, was Sie suchen. Das aber verengt den Blickwinkel doch sehr.

Frank A. Meyer 

Das Internet ist eine großartige Sache. Wir haben die Möglichkeit, uns in eine Vielzahl an Themengebieten zu einzulesen, neue Informationen für uns zu erobern und mit vielen Menschen in Kontakt zu treten. Wir entscheiden, wen wir suchen, und finden diese Personen mit nur wenigen Suchbegriffen. Wenn es jedoch um den Aufbau resonanter Beziehungen geht, ist genau diese Vorgehensweise häufig hinderlich. Es beschränkt unseren Blick über den Tellerrand und verbindet Gleiche mit Gleichen. Dabei sind es häufig die Unterschiede, die einen wertvollen Austausch beflügeln. Zudem lassen sich nonverbale Kommunikation und Stimmungen in einem Chat einfach nicht wiedergeben. 

Versuche, Kontaktaufbau auch im realen Leben zu pflegen. Stelle Verbindungen und Gespräche zu den Personen her, die dir im Internet interessant erscheinen. Wähle das Medium, das dir die größtmögliche Bandbreite an Kontakt bereitstellt – ist zum Beispiel ein persönliches Treffen nicht möglich, kommuniziere über Videotelefonie anstatt über Email. So kann ein intensiverer Austausch realisiert werden. 

  1. Muße statt Funktionalität

Die meisten Menschen jagen so sehr dem Genuss nach, dass sie an ihm vorbeilaufen. 

Soren Kierkegaard

Rosa spricht häufig davon, dass uns die Muße in unserem Leben verlorengegangen sei. Wir führen Unterhaltungen zielgerichtet und effizient, machen Sport, weil er uns gesund hält und schön macht, arbeiten, um Geld zu verdienen. 

Wer Dinge mit Muße macht, verfolgt außer dem Genuss an der Sache keinen weiteren Zweck. 

Genießen zu können ist meiner Ansicht nach der erste und wichtigste Schritt in Richtung einer resonanten Beziehung. Sind dir beispielsweise Netzwerk-Events verhasst und besuchst sie nur widerwillig und mit grimmigen Blick: wie  hoch schätzt du die Chance ein, auf diesem Weg inspirierende und offene Gespräche zu führen? Und wie groß ist sie hingegen, wenn du mit offenen Augen und einem Lächeln die Veranstaltung betrittst, weil du dich ehrlich darauf freust? 

Wir können nur bedingt beeinflussen, was uns Spaß macht und was nicht. Doch wenn dir diese Veranstaltungen so zuwider sind, fallen dir vielleicht andere Möglichkeiten ein, wie du Netzwerke bilden kannst? Mit welchen Menschen führst du gerne Unterhaltungen? Liegt dir ein kleiner Rahmen mehr? Welche Art von sozialem Kontakt macht dir wirklich Spaß? 

Resonanz beginnt dort, wo du genießt und im Fluss bist. Also: Wo gerätst du in Schwingung?

Hast du Situationen vor Augen, wo du Resonanz erleben konntest? Oder noch weitere Ideen, wie du eine gute Basis für resonante Beziehungen schaffst? Lass uns darüber in den Austausch kommen – ich freue mich auf deine Erfahrungen und Ideen!

 

Zitierte Quellen: 

Diaconu, Mădălina. (o.D.): Die Rückkehr der Sensibilität. Zu: Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. http://www.polylog.net/fileadmin/docs/polylog/37_rez_Diaconu_Rosa.pdf

Hummel, Andreas. (04.04.2016): Soziologie: Soziale Medien gaukeln Resonanz nur vor. https://www.heise.de/newsticker/meldung/Soziologe-Soziale-Medien-gaukeln-Resonanz-nur-vor-3161127.html

Norbert (27.1.2019): Resonanztheorie – eine soziologische Annäherung an das Sein des Menschen in einer komplexen Welt. https://www.akademie-solidarische-oekonomie.de/wp-content/uploads/2020/11/Menschenbild-Resonanztheorie.pdf