Carpe Diem – Nutze den Tag. Ein Mantra, das uns an manchen Tagen eher mahnend als motivierend im Nacken sitzt. Es sind die Tage, an denen wir voller Inspiration sind und am liebsten jeden Einfall sofort in die Tat umsetzen würden. Nutze deine Zeit, sei effektiv, sei produktiv, sei kreativ! Wie kannst du darin nur einen klaren Fokus finden?

Es ist, als hielten wir einen Strauß von hundert Luftballons in einer Hand. Und während wir versuchen sie alle festzuhalten, entgleitet uns einer nach dem anderen. Wir greifen nach den davon schwebenden Fäden. Verlieren dabei die nächsten Ballons, geraten in Hektik und nach einer Weile sind sie alle gen Himmel verschwunden. Letztendlich bleibt uns nur der bloße Gedanke daran.

Wie können wir einen klaren Fokus finden? Was wäre, wenn wir uns von vornherein auf drei Luftballons in unserer Hand konzentrieren? Wäre das nicht weniger energieraubend? Und hätten wir am Ende nicht mehr vorzuweisen als bei 100 Ballons, die wir FAST festgehalten haben?

Carpe Diem – Genieße den Tag, anstatt in Pflichtbewusstsein zu ertrinken

Carpe Diem – Nutze den Tag. Leider hat sich bei der Übersetzung der deutsche Hang zum Pflichtbewusstsein durchgesetzt. »Carpe« bedeutet eigentlich nicht nutzen, sondern pflücken. So übersetzt wird die Aufforderung zur Effektivität zu einer wohlwollenden Motivation sich den Tag zu »nehmen« und zu genießen. Ihn sich als etwas Schönes und Bereicherndes zu Eigen zu machen anstatt der Erinnerung, dass unsere Zeit zu kurz ist, um auch nur einen Augenblick innezuhalten.

Einen klaren Fokus finden und halten – das klingt nach Anstrengung und einem kleinen Kraftakt. Dabei hilft uns der richtige Fokus, unsere Ideen zu sortieren, die richtigen auszuwählen, sie von Beginn bis zum Ende fertig zu denken und echte sinnvolle Projekte zu kultivieren. So produzieren wir mit mehr Leichtigkeit Ergebnisse, die auch für andere nachvollziehbar sind.

Häufig ist nämlich genau das das Problem kreativer Menschen: Sie sind Profis darin, einfach loszulegen und dem Einfall in ihrem Kopf eine erste Gestalt zu geben. Oftmals vergessen sie jedoch, dass die Umsetzung Durchhaltevermögen und Zeit erfordert. Kaum stoßen sie auf ein Hindernis, das in der Überwindung etwas Hartnäckigkeit erfordert, schießt ihnen der nächste Gedanke in den Kopf. Sie sind Feuer und Flamme, starten das nächste Projekt. Und das nächste. Und das nächste. Am Ende eines Tages sind sie völlig erschöpft und überlastet ohne ein Resultat produziert zu haben.

So gelingt es so manchem einfallsreichen Menschen nicht, sein volles Potenzial zu entfalten. Letztendlich bringen sie sich auch selbst um die Belohnung, mit erhobenen Armen durch das Zielband zu laufen. Das großartige Geschenk der Kreativität wird so zu einem Stolperstein, der sie daran hindert ihre Möglichkeiten auszuschöpfen und ihre Schaffenskraft bis zur Umsetzung einer Idee zu nutzen.

Kreative und Freigeister haben es schwer, einen klaren Fokus zu finden

Dass kreative Menschen schwer einen Fokus finden, liegt dabei im wahrsten Sinne in der Natur der Sache.

Die Kreativitätsforschung erlebt derzeit eine Hochphase. Denn während man sich lange Zeit fast ausschließlich der Erforschung der Intelligenz widmete, spielt in unserer heutigen Zeit die Kreativität in den meisten Berufsgruppen eine mindestens ebenso große Rolle.

Das kreative Denken ist ein hochkomplexes Zusammenspiel von Gehirnarealen, Netzwerken, Hormonen, Neuronen und der Verarbeitung von Erfahrung und Wissen. Über viele Zusammenhänge sind sich Wissenschaftler bis heute uneins.  Klar ist jedoch, dass neurowissenschaftlich betrachtet Kreativität genau dadurch entsteht, dass sich die Wahrnehmung ungehemmt den unterschiedlichsten Reizen widmet – also eben nicht fokussiert ist.

Bei kreativen Menschen ist ein Teil der Aufmerksamkeitssteuerung des Gehirns, das sogenannte Salience-Netzwerk, besonders aktiv und offen für Reize. Durch die Vielzahl gespeicherter Reize entdecken sie ständig neue Kombinationsmöglichkeiten und assoziieren freier, woraus wiederum originelle Lösungsansätze entstehen.

Die zwanghafte Impulsivität ist ein Motor, ein Schlüssel zu Innovation, ein Talent, das es zu bewahren gilt. Zum Störfaktor wird sie erst dann, wenn sie aufgrund ihrer Schnelligkeit Energie raubt, man wegen fehlender Ergebnisse enttäuscht ist und wenn sie daran hindert, das volles Potential zu entfalten.

Doch wie entscheide ich mich unter einem ganzen Katalog von Ideen, welche ich wirklich weiter verfolgen möchte und welche mir auch ein wenig Anstrengung wert ist? Wie finde ich den richtigen Fokus und halte ihn? Inspiriert vom Psychiater und Schriftsteller Edward M. Hallowell möchte ich euch einige großartige und vor allem umsetzbare Ideen von der Auswahl von Projekten bis zu deren Umsetzung vorstellen und damit fünf wertvolle Impulse für einen klaren Fokus setzen.

Erstens: Die Projektauswahl.

Kenne deine Grenzen und sage nur Ja zu Projekten, die dich wirklich begeistern.

 

Ertappst du dich häufiger dabei, dass du impulsiv mit »Ja« antwortest, wenn es um die Verteilung von Projekten geht und merkst dann im Nachhinein, dass du dich übernommen hast? Lust auf viele Dinge zu haben, sich eine Menge zuzutrauen – das sind positive Eigenschaften. Doch langfristig gesehen tust du weder dir selbst, noch deinem Auftraggeber (der du auch selbst sein kannst) einen Gefallen, wenn du dich einer Aufgabe aus Zeitmangel nicht mit deiner vollen Energie widmen kannst.

Erbitte dir Bedenkzeit. Dann hast du Gelegenheit, in Ruhe deine Kapazitäten zu prüfen und darüberhinaus zu überlegen, ob du wirklich Lust auf das Projekt hast. Wenn du deinem Gegenüber mitteilst, dass deine Ablehnung nichts mit seinem Auftrag, sondern mit deiner fehlenden Kapazität zu tun hat, zeugt das von Verantwortungsbewusstsein und einem wertschätzenden Umgang mit seiner Idee. Im Zweifel wird das demjenigen lieber sein als ein Projekt, das nur halbherzig zu Ende gebracht wird. Also: Tausche dein spontanes »Ja!« gegen ein »Ich denke darüber nach.«.

Nutze die Zeit und Ruhe, die du dir im Entscheidungsprozess erbeten hast. Entwickle ein klares Gefühl dafür, ob du wirklich Lust auf eine Aufgabe hast. Es wird dir leichter fallen auch bei auftretenden Hindernissen am Ball zu bleiben, wenn du dich für ein Thema begeistern kannst. Sage aus Überzeugung Ja, wenn du spürst, dass du ein für dich sinnerfüllendes Projekt an der Angel hast. Und sage Nein, wenn du das Gefühl hast, dass du nicht dahinter stehen kannst. Eine solche Aufgabe kann dich mehr Energie kosten als drei aufwendige Projekte, die dir wirklich am Herzen liegen.

Natürlich können wir nicht alle unliebsamen Aufgaben vermeiden, sei es die notwendige, aber anstrengende Kommunikation mit einem fordernden Kunden oder nervige Routinetätigkeiten. Versuche, diese Energieräuber deines Arbeitsalltags klar zu benennen und weise ihnen einen festen Platz zu. Schiebe sie nicht vor dir her – sie haben die lästige Angewohnheit, dadurch in deinem Kopf zu ungeahnten Dimensionen heranzuwachsen. Akzeptiere sie als notwendiges Übel, das es abzuarbeiten gilt, damit du dich weiterhin deinen Herzensprojekten widmen kannst.

Neigst du zur Prokrastination? Lese dazu meine Beiträge aus den letzten beiden Wochen: Prokrastination – 6 Gründe, warum du Aufgaben gerne aufschiebst und Hilfreiche Strategien gegen Aufschieberitis – Ciao Prokrastination!

Zweitens: Die gedankliche Vorarbeit.

Habe ein klares Ziel vor Augen.

 

All unser Tun folgt letztlich der Bestrebung, unserer individuellen Vorstellung nach einem »guten Leben« zu folgen. In unserem Alltag, im Ansturm unserer zu bewältigenden Aufgaben, gerät dieser naturgegebene Wunsch manchmal in den Hintergrund. Darüberhinaus ist unsere Kapazität begrenzt, sodass es den wenigsten von uns gelingt – so sehr wir uns das auch wünschen – innerhalb eines Lebens Nobelpreisträger:in und Herzchirurg:in zu werden, eine Großfamilie zu gründen, sich für hungernde Kinder in Afrika einzusetzen, erfolgreich im Profisport zu sein und sich gleichzeitig zehn erfüllenden Freizeitaktivitäten zu widmen.

Letztendlich handelst du weniger effektiv, wenn du zwanzig Vorhaben in Angriff nimmst, jedoch kein einziges zum Abschluss bringst. Hallowell rät, niemals mehr als jeweils drei kurz-, mittel- und langfristige Ziele zu formulieren. Viel wichtiger als alles auf einmal zu machen, ist es einen klaren Fokus zu finden. 

Konzentriere dich daher auf die Dinge, die dir wirklich wichtig sind. Mache dir Gedanken darüber, welche drei Lebensziele dein Tun bestimmen. Dieser Prozess ist sicherlich nicht innerhalb einiger kurzer Denkminuten abgeschlossen und ist weniger eine rationale, als eine emotionale Frage. Doch ich bin davon überzeugt, dass in jedem von uns, oftmals verschüttet von unserem Alltag, eine Vorstellung davon schlummert, was wir tief in unserem Inneren wollen. Auf welche drei Ziele steuert dich dein innerer Kompass zu?

Doch konzentrieren wir uns wieder auf etwas konkretere Überlegungen. Welche drei Ziele haben für dich in den nächsten Wochen oder Monaten die höchste Priorität? Formuliere diese möglichst klar und konkretisiere den Zeitraum, in dem du diese Vorhaben erreicht haben möchtest. Idealerweise passen diese zu deinen sogenannten »Lifetime-goals« und bringen dich ihnen ein Stückchen näher.

Zu guter Letzt: Formuliere die drei Ziele, die deinen heutigen Tag bestimmen sollen.  Mache dir zu Beginn eines Arbeitstages klar, was du heute erledigen möchtest und widme dich ausschließlich diesen drei Aufgaben.

Drittens: Die Projektdurchführung.

Minimalismus im Arbeitsalltag.

 

Du hast dich nun also auf wenige Projekte konzentriert, auf die du dich begeistern kannst. Du hast dich für heute für drei Aufgaben entschieden. Doch bevor du mit der Bearbeitung startest, musst du noch einmal kurz die Mails checken. Nachsehen, was es Neues auf den sozialen Netzwerken gibt. Einen Anruf beantworten. Auf eine Nachricht reagieren. Nur kurz etwas recherchieren. Ach, das klingt ja spannend…das leite ich mal an meinen Kollegen weiter. Und schon sind zwei Stunden vergangen.

Wir leben im Zeitalter eines Aufrufs zur ständigen Kommunikation und Präsenz. Das macht es uns schwer, einen klaren Fokus zu finden. Sich dem zu entziehen, während im Email-Postfach die ungelesene Mail, die zehn Facebook-/Instagram-/Twitter-/Benachrichtigungen, dir drei unbeantworteten Anrufe und zwei Voicemails blinken, ist ein größerer Kraftakt, als diese mahnenden Aufrufe zur Dauerkommunikation komplett aus dem Blickfeld zu verdammen.

Treffe klare Absprachen bezüglich deiner Erreichbarkeit mit deinen Kunden und Auftraggebern. Definiere ein Zeitfenster, in denen du dich ausschließlich deinen Mails und Nachrichten widmest und schalte danach alle Kommunikationskanäle im Hintergrund aus. Denn letztendlich kosten dich die pausenlosen Unterbrechungen nicht nur die Zeit, die du tatsächlich am Telefon hängst oder die du brauchst, um eine Mail zu beantworten. Es kostet dich auch die Zeit, die du jedes Mal aufwendest, um neu in den Schaffensprozess einzusteigen.  Du wirst sehen, wie viel leichter du den Arbeitsfluss bei deinen eigentlichen Aufgaben beibehalten und steuern kannst.

Neben der Ablenkung durch digitale Medien kann eine unstrukturierte Arbeitsumgebung deine Aufmerksamkeit in ungewollte Richtungen lenken. Auch hier gilt: Weniger ist mehr. Gerade in der Blütezeit des Homeoffice haben wir auf die Ausgestaltung unseres Arbeitsplatzes mehr Einfluss.

Schaffe eine Atmosphäre, in der du dich wohlfühlst, die dich aber nicht mit Reizen überflutet. Sei sparsam mit Dekoration. Sammle zu bearbeitende Papiere an einem Ort, an denen du sie sofort wieder findest, sie dir aber nicht während der Erledigung anderer Aufgaben ins Auge springen. Habe Arbeitsmaterialien griffbereit. Auch eine gesunde Haltung und dafür geeignete Möbel spielen eine Rolle: Wer möchte schon den Fokus verlieren, weil er durch Kopf- und Nackenschmerzen abgelenkt wird?

Viertens: Umgang mit Hindernissen.

Sorge dich nie allein.

Während der Bearbeitung eines Projektes kommst du wahrscheinlich immer wieder mal an einen Punkt, an dem du nicht weiter weißt. Eine Denkblockade, ein Problem, das bei der Konzipierung nicht bedacht wurde, ein Budget, das doch den Rahmen sprengt. Du suchst fieberhaft nach einer Lösung, doch deine Gedanken scheinen immer wieder gegen Wände zu rennen. Gerade perfektionistische Menschen mit einem hohen Anspruch an sich selbst neigen dazu, nun fieberhaft alleine nach einer Antwort zu suchen und sich für die Lösung alleinverantwortlich zu fühlen.

Solche Situationen können uns paralysieren und stürzen uns in toxische Gedankenschleifen. Wir ziehen uns zurück, sind enttäuscht ob unseres »Scheiterns«, verzweifeln an der scheinbaren Ausweglosigkeit. Der eine fühlt sich wie gelähmt, andere arbeiten doppelt so viel, um den eigentlichen Stillstand im Projekt zu kompensieren. Menschen, die es dauerhaft nicht schaffen aus dieser Negativspirale auszubrechen, laufen Gefahr auszubrennen.

Es ist kein Eingeständnis von Schwäche oder Unvermögen andere um Austausch zu bitten. Auf andere zuzugehen, zeugt von Selbstbewusstsein, einem guten Reflexionsvermögen und der Fähigkeit, vorhandene Ressourcen zu nutzen. Dabei geht es oftmals noch nicht einmal um Hilfe oder Ratschläge im eigentlichen Sinne: Der Austausch mit Menschen, die uns fachlich oder persönlich inspirieren und die es gut mit uns meinen reicht oftmals aus, um unsere Gedanken in eine andere Richtung lenken. Krisen oder Probleme sind eine Möglichkeit, einem Projekt eine völlig neue Richtung zu geben. Sie beherbergen die Chance auf echte Innovation. Verzweifle also nicht an einer scheinbar ausweglosen Situation: Vielleicht ist es genau diese, von der du am meisten lernen kannst?

Fünftens: Das Resultat.

Zelebriere Abschlüsse

Hast du eine Aufgabe erfolgreich zu Ende gebracht, halte einen Moment inne und gehe nicht direkt zum nächsten Tagesordnungspunkt über.

Mache eine Pause. Gib deinem Gehirn die Zeit, Erfolge zu realisieren. Anschließend kannst du reflektieren: Was hat dir dabei geholfen, einen klaren Fokus zu behalten und dein Projekt zum Abschluss zu bringen? Was war schwierig? Was würdest du beim nächsten Mal anders machen, was möchtest du beibehalten? Die Beantwortung dieser Fragen kann dir helfen, deinen Lernprozess zu verinnerlichen und beim nächsten Mal bewusster auf die neugewonnenen Ressourcen zugreifen zu können.

Was hilft dir dabei, einen klaren Fokus zu behalten? Hast du für dich andere Methoden entdeckt? Lass uns daran teilhaben, ich freue mich auf eure Kommentare!