Wann wird eine Veränderung zur Krise? 

Das Leben hält leider nicht nur freudige Überraschungen für uns bereit, sondern auch jene, die unser seelisches und emotionales Gleichgewicht ins Wanken bringen. Manchmal reichen unsere Bewältigungsstrategien (noch) nicht aus, um die Situation zu meistern. Der Grund dafür, dass wir in Veränderungsprozessen ins Wanken kommen und uns überfordert fühlen. In diesem Fall sprechen wir von einer Krise. 

Nicht nur wir als Einzelpersonen sind von Krisen betroffen. Wir finden sie genauso in Beziehungen, Staaten, Institutionen, Unternehmen, beim Klima und der Umwelt. In der Medizin bezeichnet eine Krise den Wendepunkt eines Krankheitsverlaufs. Die Welt ist 2020 von der Corona-Krise betroffen. Ist die Funktionalität von Kreditinstituten bedroht, sprechen wir von einer Bankenkrise. 

So vielfältig der Begriff verwendet wird, so unterschiedlich sind auch die Definitionen. Worin sie aber übereinstimmen ist ihre Endlichkeit. Eine Krise ist ein zeitlich befristetes Ereignis, dessen Ausgang auf der Kippe steht. Die Entwicklungsmöglichkeiten nach einer Krise können sowohl negativer, als auch positiver Natur sein. 

Dies spiegelt sich besonders im Chinesischen wider, wo das Wort sich aus zwei Schriftzeichen zusammensetzt: Aus Gefahr und Chance. Doch damit sie uns zur Möglichkeit wird, müssen wir ins Reflektieren und Handeln kommen.

„Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihm nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“

– Max Frisch, Schriftsteller –

In Krisen erscheint es uns oftmals so, als würde uns das Leben besonders übel mitspielen. Dieses Gefühl von Ausgeliefertsein und Kontrollverlust beschränkt uns jedoch in unserer Handlungsfähigkeit. Schon Carl Gustav Jung, Begründer der analytischen Psychologie, sprach in diesem Zusammenhang ungern vom Schicksal, sondern ersetzte es, wenn möglich durch die Wortkreation Machsal. Schicksalsschläge seien auf der einen Seite oft mitverantwortet und selten von oben „geschickt“, auf der anderen Seite seien wir nicht dazu verdammt, uns diesem handlungsunfähig hinzugeben. Die Art und Weise, wie wir mit Krisen umgehen, liegt in unserer Hand. Wer sowohl für ihr Entstehen, als auch für ihren Ausgang seinen Anteil Verantwortung übernimmt, kann aus ihnen lernen.

Nehmen wir einmal an, du bist seit kurzem für dein Unternehmen in Asien tätig. Manch einer hat damit überhaupt keine Problem und stürzt sich ins Abenteuer, doch für dich gestaltet sich das Ankommen als kompliziert. Du hast Schwierigkeiten mit der Sprache, deine Aufgabe ist dir nicht klar, bekommst keinen Anschluss zu den Kollegen, findest dich in der Millionenstadt und in der fremden Kultur nicht zurecht, hast Heimweh. Du hattest von dir erwartet, diese Veränderung ganz leicht wegzustecken. Dein Selbstwert leidet. Und nach und nach wird deine Überforderung zur dauerhaften Betrübnis. Du steckst in einer Krise. 

Wir alle verfallen leicht in die Angewohnheit, nach Schuldigen und Verantwortlichen zu suchen. Der Chef hat keine klaren Instruktionen gegeben. Die Kollegen sind verschlossen und sperren sich gegen den Kontakt mit dir. Das Unternehmen hat dich in diese missliche Lage gebracht und lässt dich jetzt im Stich. Auch mit dir selbst gehst du hart ins Gericht: Du fühlst dich unfähig, diese berufliche Chance zu nutzen. Du nennst dich inkompetent. Unkommunikativ und festgefahren. 

Zuweisungen dieser Art ermöglichen uns eine einfache Erklärung für missliche Situationen, manövrieren uns aber auch in eine Opferhaltung, in der wir wenig Handlungsspielraum haben.  

Vielleicht sind Krisen nicht „schicksalshaft“, um unsere Entwicklung zu fördern. Aber wenn wenn sie ohnehin schon da sind, können wir sie nutzen, um etwas aus ihnen zu lernen. Das ist das, was Jung mit dem „Machsal“ beschrieb. 

Wie kam es zu der Situation? Sicherlich hast auch du der Versetzung zugestimmt. Hast du vielleicht deine Entscheidung dafür aus den falschen Gründen getroffen? Ist dir das schon öfter passiert? Wie möchtest du dich zukünftig in einer solchen Situation verhalten? 

Oder hältst du die Entscheidung nach wie vor für richtig? Haben sich vielleicht einfach deine Erwartungen nicht erfüllt? Wie kannst du damit nun umgehen? Welche Ressourcen brauchst du, um die Situation zu bewältigen? Wer könnte dir unter Umständen dabei helfen? Was kannst du verändern, damit es dir besser geht? Was brauchst du? Oder ist es gerade einfach an der Zeit, der Enttäuschung und dem inneren Widerstand freien Lauf zu lassen? Manchmal ist es die schwierigste Übung, negative Gefühle auszuhalten. Anstatt diese zuzulassen, verweigern wir uns diesen und rügen uns dafür, dass sie überhaupt da sind. Damit machen wir uns das Leben zusätzlich schwer. 

Was für dich in der Veränderung sinnvoll ist, hängt von den Gegebenheiten und deinen vorhandenen Bewältigungsstrategien ab. Jede Krise verläuft individuell und ist nicht mit einer anderen vergleichbar. Es lassen sich jedoch wiederkehrende Phasen ausmachen, die wir in jeder Krise und jedem Veränderungsprozess finden. Und schwierige Gefühle und Widerstände sind ein wichtiger Bestandteil des Prozesses.

Die Veränderungskurve

Elisabeth Kübler-Ross ist vor allem für die Formulierung der fünf Sterbephasen bekannt. Aus diesen entwickelte sich jedoch ein weiteres Modell, die sogenannte Veränderungskurve. Diese Weiterentwicklung findet man in unterschiedlichen Varianten – manche orientieren sich stark an den fünf Sterbephasen, andere wiederum gehen von sechs oder sieben Phasen aus, die teilweise auch unterschiedlich benannt werden. In ihrem Kern sind sie jedoch alle sehr ähnlich.

Ich möchte dir gern ein siebenphasiges Modell vorstellen, das an das Modell von Monika Radecki angeleht ist. Wie genau die Phasen durchlaufen werden und innerhalb welchen Zeitraumes, hängt dabei stark von der Art der Veränderung oder Krise ab.

Sie werden nicht zwingend chronologisch durchlaufen. Manchmal springen wir auch eine zeitlang zwischen verschiedenen Phasen hin und her oder überspringen eine, um sie zu einem späteren Zeitpunkt zu durchleben. Auch der positive Ausgang stellt natürlich den Idealverlauf da. 

Man geht davon aus, dass das Durchlaufen jeder einzelner Phasen notwendig ist, um Krisen zu verarbeiten. Wenn wir die Kurve jedoch vollständig durchlaufen und nicht in einer der Phasen verharren, haben wir am Ende neue Bewältigungsmechanismen entwickelt und gehen gestärkt aus einer Krise hervor.

1. Beunruhigung

Meist kommen Veränderungen nicht aus dem Nichts, sondern kündigen sich im Vorfeld an. Damit einhergehend spüren wir eine gewisse Beunruhigung und ahnen sie voraus. 

2. Schock

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Jeder unvorhergesehene (oder auch manchmal vorausgeahnte) Veränderung ist daher erst einmal ein emotionaler Schock oder zumindest eine Überraschung. 

3. Leugnung und Widerstand

Routinen sind für unser Gehirn am leichtesten zu verarbeiten. Auf Veränderungen reagiert es daher spontan mit Ablehnung: „Das kann ja wohl nicht wahr sein! Ohne mich!“. In dieser Phase weigern wir uns, unsere Handlungen an die neue Situation anzupassen und finden nicht selten kreative Erklärungsansätze, um die veränderte Realität rational zu verleugnen und so zu deuten, als hätte sie mit uns nichts zu tun. Wut und Aggression sind die Gefühle, die uns in dieser Abwehrhaltung häufig begleiten.

4. Einsicht und Frustration

Uns dämmert, dass die Veränderung wirklich unser Leben betrifft und wir uns anpassen müssen. Rational haben wir das bereits begriffen, doch emotional halten wir noch am Alten fest.

5. Emotionale Akzeptanz und Abschied

In dieser Phase ist der krisenhafte Zustand am stärksten ausgeprägt und wird teilweise von heftigen Emotionen begleitet. Dieser Zeitraum wird in der Literatur häufig auch als „Tal der Tränen“ bezeichnet. Wir schwingen zwischen Trauer, Resignation und Wut, oftmals fallen wir zurück in Leugnung und Widerstand. Wie ausgeprägt diese Phase erlebt wird, hängt natürlich zum einen von der Art der Veränderung ab, zum anderen aber auch von unser persönlichen Widerstandskraft, der Resilienz. Während den einen nichts so schnell umzuhauen scheint, gerät der andere selbst bei kleineren Hindernissen ins Wanken. Wie du deine Resilienz stärken kannst, habe ich bereits in einem vorangegangenen Artikel beschrieben. 

So anstrengend sich diese Phase auch anfühlen mag: Sie ist notwendig, um von Vergangenem Abschied zu nehmen.

6. Öffnung und Ausprobieren

Wir nehmen die neue Situation an und haben uns von Vergangenem gelöst. 

Im Idealfall werden Lernprozesse in Gang gebracht. Wir probieren unterschiedliche Verhaltensweisen aus, die uns in unserer veränderten Realität hilfreich erscheinen. #

7. Integration und sich einschwingen

Um unser Leben mit der Veränderung weiter bewerkstelligen zu können, haben wir neue Kompetenzen entwickelt und so unseren Handlungsspielraum erweitert. Das Erlernte wird routinierter, das Repertoire unserer Bewältigungsstrategien ist gewachsen. 

Die Veränderungskurve an sich stellt natürlich noch keinen Lösungsansatz für unsere Krisen dar. Doch wer die Prozesse kennt, versteht und weiß, in welcher Phase er sich aktuell befindet, kann innere Widerstände vielleicht besser akzeptieren und als „normal“ annehmen. Sie gehören zum Verlauf einer jeden Veränderung und werden durch angenehmere Phasen abgelöst. 

Und nun? Der Blick in die Zukunft.

„Die einzige Konstante im Universum ist die Veränderung.“

– Heraklit, griechischer Philosoph –

Veränderungen sind ein unvermeidlicher Bestandteil unseres Lebens. Schon allein das Älterwerden, das Eintreten in verschiedene Entwicklungsabschnitte von unserer Kindheit bis ins Seniorenalter, Job- und Partnerwechsel, der Verlust geliebter Menschen oder auch das Kennenlernen neuer Menschen. Umzüge, Krankheiten, Elternschaft, beruflicher Aufstieg oder Abstieg. Unser Leben ist eine Verkettung ständiger Veränderungen. So sind wir fortlaufend in der Anpassung und glücklicherweise haben nicht alle sofort eine schwere Krise zur Folge. Je leichter wir in der Lage sind, neue Gegebenheiten zu akzeptieren, den Sinn der Veränderung zu verstehen und je größer unser Repertoire an Coping-Strategien ist, desto besser können wir Krisen abwenden. 

„Wer lange glücklich sein will, muss sich oft genug verändern.“

– Konfuzius-

Manche Erlebnisse machen es uns deutlich schwerer, an eine positive Zukunft zu glauben, zum Beispiel, wenn es um den Verlust geliebter Menschen oder existenzbedrohende Ereignisse geht. Dann scheint es uns unmöglich, eine Bedeutung  im krisenauslösenden Ereignis zu erkennen. Genau das liegt jedoch in unserer Natur – wir wollen verstehen, was in unserem Leben passiert. Je weniger wir das können, desto größer ist unser Gefühl von Kontrollverlust und Ohnmacht. 

Besonders bei traumatischen Ereignissen solltest du nicht davor zurückschrecken Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sich in seiner Verwundbarkeit mit anderen Menschen zu konfrontieren und um Unterstützung zu bitten, ist ein Zeichen von Stärke und Handlungsfähigkeit. Frage Freunde oder deine Familie nach einem Gespräch, schließe dich Gruppen mit Gleichgesinnten an oder suche nach professionellen Angeboten. Bei der Traumabewältigung kann dir bspw. ein Therapeut helfen, die Krise zu bewältigen. 

Unser Hilfesystem ist glücklicherweise so differenziert, dass sich für jede Art von Krise eine Fachfrau oder ein Fachmann finden lässt. 

Steckst du gerade in einer beruflichen Krise, aus der du dich alleine nicht befreien kannst und suchst ein Business Coaching? Lass uns in einem kostenlosen Erstgespräch darüber sprechen und herausfinden, wie wir deine Veränderung positiv gestalten können!